Zeit für Innovation

DIHK-Innovationsreport 2020

Die Corona-Krise hat den Innovationsvorhaben der deutschen Wirtschaft fürs erste eine kalte Dusche verpasst. Viele Projekte liegen bei den Unternehmen auf Eis, weil Aufträge wegbrechen, Lieferketten reißen und die Eigenkapitaldecke abschmilzt. Dabei zeigten die Unternehmen zu Beginn der Pandemie erstmals seit zehn Jahren wieder mehr Innovationsbereitschaft. Immer mehr Unternehmen wollten auf digitale Arbeitsweisen und Geschäftsmodelle setzen. Bereits vor der Krise war ihr Rezept für die Zukunft: eine konsequente Ausrichtung auf sich schnell verändernde Märkte und die Vernetzung mit kompetenten Partnern. Das geht aus dem DIHK-Innovationsreport hervor, dem die Befragung von 1.800 Industriebetrieben und industrienahen Dienstleistern zugrunde liegt. Danach wollten knapp die Hälfte der Unternehmen in den kommenden zwölf Monaten ihre Innovationsaktivitäten ausweiten. Vieles davon steht allerdings aufgrund des wirtschaftlichen Einbruchs und der Liquiditätsengpässe derzeit auf der Kippe.
Zwar geben die Ergebnisse der Unternehmensbefragung Anlass für Zuversicht, aber nur, wenn es im Zuge des Re-Starts gelingt, die Innovationsbestrebungen der Unternehmen durch gute Rahmenbedingungen zu unterstützen. Deutschland ist ein Innovationsstandort und muss diesen jetzt vor allem in der Krise forcieren. Produkte „Made in Germany“ können helfen die Krise schneller in einen Aufbruch zu wandeln. Das neue Konjunkturpaket beinhaltet neben Maßnahmen zur Krisenbewältigung vor allem eine Fülle von Instrumenten zur Stärkung von Forschung und Innovation. Die geplante Erhöhung der steuerlichen Forschungsförderung ist ein wichtiger Hebel für mehr Innovation. Leider kennen noch zu wenig Unternehmen das Forschungszulagengesetz. Bei kleineren Betrieben ist noch nicht einmal jedes vierte Unternehmen mit der steuerlichen Forschungsförderung vertraut. Die weiteren Maßnahmen können den Firmen helfen ihre Innovationsprojekte wieder aufzunehmen.
Die Umfrage zeigt zugleich, dass weiterhin großer Handlungsbedarf bei den strukturellen Innovationshemmnissen besteht. Die größte Innovationsbremse ist die Bürokratie. Knapp zwei Drittel der Unternehmen bemängeln die hohen bürokratischen Anforderungen bei Innovationsaktivitäten. Dazu zählen Zulassungs- und Genehmigungsverfahren ebenso wie zunehmenden Anforderungen für Umwelt- und Klimaschutz. Ein starker Rückgang bei der Innovationsdynamik ist in der Medizintechnik zu verzeichnen. Diese Betriebe leiden unter der Fülle an Auflagen und Anforderungen, wie die kommende EU-Medizinprodukteverordnung.
Ein weiterer Bremsklotz im Innovationsgeschehen ist die digitale Infrastruktur. Die Zukunftsfähigkeit deutscher Unternehmen steht und fällt mit einer leistungsfähigen digitalen Infrastruktur. Mehr als die Hälfte der befragten Betriebe fühlt sich der DIHK-Umfrage zufolge aufgrund von schlechter Internetverbindung und Funklöchern in ihren Innovationsaktivitäten eingeschränkt. Dies dürfte vor allem zu Zeiten von Corona noch drastischer sich auswirken, da viele Betriebe nun eine Art Notfalldigitalisierung fahren.
Die Umfrage wurde vom 10. Februar bis zum 23. März durchgeführt. Die Corona-Krise hatte zu dem Zeitpunkt vor allem in Asien schon ihre wirtschaftlichen Spuren hinterlassen. Das Herunterfahren vieler wirtschaftlicher Aktivitäten mit all den Konsequenzen auf Geschäfte, Lieferketten und Innovationsvorhaben fand erst nach der Befragung statt. Bei der Auswertung der Antworten der befragten 1800 Unternehmen wird davon ausgegangen, dass die Corona-Krise nur einen mäßigen Einfluss hatte.
Den DIHK-Innovationsreport finden Sie unter “Weitere Informationen” 

Die Wichtigsten Ergebnisse im Überblick:
  • Steigende Innovationsdynamik auch im Mittelstand:
    Die Unternehmen wollen in den kommenden zwölf Monaten durch neue Ideen ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern. Knapp die Hälfte der Unternehmen - und damit mehr als in der Vorumfrage 2017 - plant, ihre Innovationsaktivitäten auszuweiten, weitere 43 Prozent wollen ihr bisheriges Engagement fortführen.
  • Digitalisierung erlebt einen Quantensprung:
    Immer mehr Unternehmen konzentrieren sich auf die Digitalisierung von Produktions- und Arbeitsprozesse sowie auf das Angebot von Smart Services. 85 Prozent der Betriebe planen die Entwicklung neuer Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle im Zuge der Digitalisierung. Der Anteil bei Großunternehmen (über 500 Mitarbeiter) beträgt sogar 96 Prozent; bei KMU mit bis zu 249 Mitarbeitern planen 82 Prozent entsprechende Maßnahmen.
  • Mitarbeiterqualifizierung als Schlüssel zum Innovationserfolg:
    87 Prozent der Betriebe planen in den kommenden Monaten Maßnahmen zur spezifischen Mitarbeiterqualifizierung. Jedes vierte Unternehmen möchte das Weiterbildungsangebot sogar noch weiter ausbauen – auch um ihre Belegschaft im Umgang mit neuer Hard- und Software zu schulen
  • Zukauf von Start-ups beliebt in der Automobilindustrie:
    Für drei Viertel der Unternehmen kommt ein Zukauf von Start-ups zur Stärkung der eigenen Innovationsfähigkeit nicht in Betracht. Mit steigender Unternehmensgröße wird jedoch vermehrt über diese Maßnahme nachgedacht. Gerade die Automobilindustrie erwirbt sehr gezielt und in erheblichem Umfang Start-ups (43Prozent).
  • Größte Innovationsbremse - Bürokratie:
    Knapp zwei Drittel der Unternehmen bemängeln die hohen bürokratischen Anforderungen bei Innovationsaktivitäten (Medizintechnik: 90 Prozent). Dazu zählen Zulassungs- und Genehmigungsverfahren ebenso wie zunehmenden Anforderungen für Umwelt- und Klimaschutz.
  • Mangelnde digitale Infrastruktur bremst Innovationskraft:
    Die Zukunftsfähigkeit deutscher Unternehmen steht und fällt mit einer leistungsfähigen Glasfaser- und Mobilfunkversorgung. Über die Hälfte ist in ihren Innovationsaktivitäten durch mangelnde digitale Versorgung eingeschränkt.
  • Rückläufiger Aufwand für den Schutz von Novitäten:
    Den Aufwand, eigene Schutzrechte etwa in Form von Patenten weltweit durchzusetzen, nehmen zur noch 29 Prozent der Unternehmen als Innovationshürde wahr (2017: 58 Prozent, 2015: 72 Prozent)
  • Gesellschaftliche Akzeptanz neuer Technologien nimmt zu:
    Zwar sieht nur noch gut jedes vierte Unternehmen die fehlende gesellschaftliche Akzeptanz von Technologien als Innovationshemmnis (27 Prozent, 2017: 35 Prozent) allerdings bremst auch weiterhin die Skepsis gegenüber neuen Anwendungen die Innovationsdynamik der Unternehmen.
  • Weniger Schwierigkeiten bei Kooperationen:
    Jedes fünfte Unternehmen hat Schwierigkeiten beim Finden geeigneter Kooperationspartner in der Wissenschaft (22 Prozent, 2017: 25 Prozent). Gleichzeitig sinkt die allgemeine Kooperationsbereitschaft mit Abnahme der Betriebsgröße. Jedes dritte Unternehmen mit bis zu 249 Mitarbeitern zieht perspektivisch keine gemeinen Projekte mit der Wissenschaft in Betracht, bei Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern sind es nur neun Prozent. Die finanziellen und personellen Kapazitäten kleinerer Unternehmen sind häufig nicht für langwierige, abstimmungsintensive Forschungsprojekte ausgelegt.
  • Länderförderprogramme beliebter als Bundesförderprogramme:
    Jedes fünfte Unternehmen hat in den letzten zwei Jahren eine Förderung vom jeweiligen Bundesland in Anspruch genommen (2017: 17 Prozent). Merklich gesunken ist die Nutzung der Bundesfördermittel (13 Prozent, 2017: 21 Prozent), die Nutzungszahlen von EU-Fördermitteln haben sich sogar auf die Hälfte verringert (5 Prozent, 2017: 10 Prozent). Die Hauptgründe für die geringen Nutzungszahlen sind zu komplizierte Verfahren und die Unbekanntheit der Programme.