Versorgungssicherheit

Sehen wir bald alle schwarz?

Beim 3. Regensburger Energiekongress diskutierten über 180 Experten, Unternehmer und Vertreter der Kommunen an der Ostbayerischen Technischen Hochschule OTH Regensburg über die Folgen eines Blackouts im Stromnetz und die Versorgungssicherheit mit Energie. Organisiert wurde die Tagung von der OTH, der IHK Regensburg für Oberpfalz / Kelheim und dem Ostbayerischen Technologietransferinstitut OTTI e.V.
Die Stromversorgung wird dezentral, die Firmen befürchten Zusammenbrüche bei der Energieversorgung – unbegründet? Am ersten Kongresstag wiegt Joachim Gewehr von der Bundesnetzagentur die Zuhörer noch in Sicherheit: „In Deutschland besteht keine Gefahr für einen Blackout.“ Die Vertreter der Wirtschaft sehen das anders. Ralf Christian, CEO der Division Energy Management bei der Siemens AG stellt 600 Millionen Euro Schaden in den Raum, die jede Stunde Stromausfall in ganz Deutschland kosten würde. Den Schaden für die Gesellschaft stellt Maik Poetzsch, Co-Autor einer Studie vom Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag vor. Er untersuchte die Folgen eines Blackouts. „Bereits nach acht bis 24 Stunden könnte die Versorgung mit Notstrom und Treibstoffen nur noch eingeschränkt funktionieren, da das Pumpen der Reserven in oberirdische Tanks nicht mehr möglich ist“, malt der Experte die Situation nach dem Totalstromausfall in einer Stadt aus. Bleibt der Strom bis zu einer Woche weg, drohen Lebensmittelengpässe, überlastete Krankenhäuser und Schlimmeres. Science Fiction? Der Genre-Autor Andreas Eschbach entführt die Zuhörer auf eine Zeitreise in das Jahr 3000, und zeigt, dass der der Mensch das einzige Lebewesen ist, das von externer Energie abhängig ist. Ohne die gibt es in seiner Fiktion kein menschliches Leben.
Wesentlich geerdeter geht es danach bei der Diskussion über Probleme bei der sicheren Energieversorgung für Unternehmen weiter. Christian Essers von Wacker Chemie sieht in einem lang anhaltenden Stromausfall „nicht die Herausforderung Nummer eins“. Ihm bereiten kurze Unterbrechungen im Stromnetz Sorgen. Erfahrungen bei Wacker hätten gezeigt, dass Unterbrechungen von 80 Millisekunden bereits große Schäden verursachen. Bei einer Dauer von 400 Millisekunden entstanden bereits Kosten im sechsstelligen Bereich, mit Folgeschäden im siebenstelligen. Er wünscht sich für die Wirtschaft sichere und marktnahe Lösungen dieses Problems.
Geschäftsführer Lex Hartman vom Netzbetreiber Tennet regt auf pointierte Weise Lösungen an, die früher politisch undenkbar gewesen wären. Der ungenügende Netzausbau beschäftigt ihn und das Auditorium sichtlich. Die zu geringen Investitionen in die Stromnetze sind Hauptthema in der anschließenden Podiumsdiskussion, moderiert von Martin Lindner, TV Aktuell Ostbayern. Lex Hartman beteuert, die Netze seien sicher, müssten jedoch ausgebaut werden. Riskant seien aktuell die notwendige Netzeingriffe. Erwin Huber, Mitglied des Bayerischen Landtags, stuft die Gefahr für einen Blackout in Deutschland als gering ein. Die Folgen indes wären drastisch aus seiner Sicht.
Der zweite Kongresstag beschäftigt sich mit IT-Sicherheit und Cyber-Kriminalität aus dem Blickwinkel sicherer Stromversorgung. Die Referenten stellen Schwachstellen fest, die sich jedes Unternehmen bewusst machen und Maßnahmen ergreifen sollte. Ein weiterer Part wird auf dem Kongress der Europaregion Donau-Moldau gewidmet. Vertreter aus Österreich und Tschechien schildern die Versorgungslage in ihren Ländern. Übertragungsnetzbetreiber Tennet und Verteilnetzbetreiber Bayernwerk schildern den Kongressbesuchern, wie der Netzwiederaufbau nach einer Großstörung funktionieren könnte. Olaf Hermes, Vorstandsvorsitzender des Energieversorgers Rewag, malt aus, „was passiert, wenn in Regensburg das Licht ausgeht“ und stellt die Vorkehrungsmaßnahmen seines Betriebs dar. Eindrucksvoll schildert Thomas Knoll, Verbandsdirektor des Zweckverbands Müllverwertung Schwandorf, was sich beim großflächigen Stromausfall im November 2006 in der Müllverwertungsanlage ereignete und welcher Schaden dabei entstand. Er zeigt die Maßnahmen auf, die seitdem ergriffen wurden. Weitere Lösungen stellen Vertreter von Siemens AG, Schneider Electric GmbH, ABB AG und dem Institut für Energietechnik vor. Der Schlussvortrag von Dr. Jochen Kreusel von der ABB AG führt vor Augen, dass Deutschland nach seiner Ansicht, nach dem bereits dargestellten Stromausfall im November 2006 noch Glück hatte. Es könne zu fatalen Fehleinschätzungen bei der Versorgungslage kommen, die nur schwer korrigiert werden können. Eine Ansicht, die eine lebhafte Podiumsdiskussion zum Kongressende befeuerte.