IHK-Vollversammlung

So geht es Ostbayerns Wirtschaft jetzt

22.07.2020
Ein aktuelles Stimmungsbild zur Lage der Wirtschaft in Ostbayern zeichnete die IHK-Vollversammlung am 21. Juli 2020. Zu der virtuellen Sitzung begrüßten der Präsident der IHK Regensburg für Oberpfalz / Kelheim Michael Matt und der IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Jürgen Helmes nicht nur die Vertreter der regionalen Wirtschaft, sondern auch Experten der IHKs aus Berlin und London. „Unsere regionalen Unternehmen haben in der Coronakrise weiterhin ihre Verantwortung als Arbeitgeber im Blick, sie kämpfen mit Kreativität und Know-how gegen die wirtschaftlichen Folgen der Krise und sie stellen Weichen für die Zukunft, indem sie Investitionen nicht aus dem Blick verlieren“, resümierte Matt die Sitzung. „Corona hat gezeigt, dass Digitalisierung und Agilität die entscheidenden Themen der Zukunft sind“, so Helmes. Darüber hinaus zeigte sich: Zentrale Aufgabe für die Region sei es, die Innenstädte und Ortskerne als lebendige Begegnungsorte für Arbeit, Wohnen, Handel und Freizeit wiederzubeleben.

Gute Konjunktur kann man nicht kaufen

Dabei liege es an der Politik, auf allen Ebenen die richtigen Rahmenbedingungen für Betriebe zu schaffen, sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags DIHK, Dr. Martin Wansleben, in seinem Gastvortrag. Die IHK-Organisation habe sich in der Zeit des Lockdowns für eine praxistaugliche Ausgestaltung der Konjunkturhilfen des Bundes eingesetzt und gezeigt, wie fiskalpolitische Anreize geschaffen werden können. Das am selben Tag geschlossene Corona-Hilfspaket der EU begrüßte Wansleben und betonte zugleich wie wichtig es sei, die internationalen Geschäftsbeziehungen am Leben zu halten. Auf lange Sicht jedoch dürfe die Wirtschaft nicht allein vom Fördertopf genährt werden. Sie müsse die Möglichkeit bekommen, aus eigener Kraft für eine gesamtwirtschaftliche Erholung zu sorgen. „Am Ende kann man gute Konjunktur nicht kaufen, gute Konjunktur kann nur Tag für Tag in Deutschland, Europa und weltweit erwirtschaftet werden.“

Ostbayerns Kommunen zeigten sich kooperativ

IHK-Hauptgeschäftsführer Helmes berichtete, wie die IHKs auf Ebene des Freistaats für die Belange der Unternehmen in der Coronazeit eintraten. So hatten sie zum Beispiel auf die Revidierung der 800qm-Regelung hingewirkt, damit für alle Einzelhändler ein Weg aus dem Lockdown möglich wurde. Fast drei Monate lang hielt das für Ostbayerns Wirtschaft wichtige Nachbarland Tschechien seine Grenzen geschlossen – das Engagement der IHK Regensburg mit ihrem Regionalbüro in Pilsen trug wesentlich dazu bei, dass der Grenzschluss nicht noch länger dauerte, und dass währenddessen auch Ausnahmen, beispielsweise für die rund 13.800 tschechischen Grenzpendler nach Ostbayern ermöglicht wurden. In einem Schreiben an die 250 kommunalen Entscheider der Region und in persönlichen Gesprächen vor Ort warb die IHK um praxisnahe Lösungen, etwa für erweiterte Freiflächen bei den Gastronomen in den Innenstädten oder für ein pragmatisches Umsatteln auf digitale Behördengänge. „Viele unserer Kommunen sind ihrer lokalen Händlerschaft, den Gastronomen und Dienstleistern entgegengekommen und haben unbürokratische Lösungen gefunden, wie diese unter Einhaltung der gebotenen Abstands- und Hygieneregelungen wieder ihr Geschäft aufnehmen können“, würdigte Helmes. Corona habe aber auch gezeigt, dass die Kommunen bei digitalen Behördengängen noch enormen Nachholbedarf hätten.

Corona und ein Brexit ohne Ende

Von der Coronakrise wesentlich mehr getroffen als Deutschland ist das sich von der EU lösende Vereinigte Königreich. Dr. Ulrich Hoppe von der AHK in London informierte die Vollversammlung der IHK zur wirtschaftlichen Lage in Großbritannien. Corona und Brexit geschuldet liege die Prognose bei minus zwölf Prozent Wirtschaftswachstum in UK bis Ende des Jahres. „Die Folgen des Brexits werden vom fatalen Verlauf der Coronakrise in Großbritannien derzeit noch überlagert. Faktisch steht der Brexit mit Ende der Übergangsphase am 31.12.2020 vor der Tür“, so der Wirtschaftsexperte. Er glaubt, dass zu diesem Stichtag zumindest ein minimales Freihandelsabkommen zwischen UK und der EU, „ohne Zölle und Mengenbeschränkungen“, möglich sei. Damit seien jedoch viele Dinge noch nicht geklärt – allein die verzwickte Lage an der Grenze zwischen Irland und Nordirland könne neben anderen Aspekten für einen „Bexernity, einen Brexit of Eternity“, sorgen.

Investitionen nur vereinzelt

Eine Blitzumfrage während der Sitzung zeigte: Über 60 Prozent der anwesenden Unternehmen wollen ihren Personalstand zum Ende des Jahres 2020 halten. Im Vergleich zum Vorjahr rechnen 39 Prozent mit einem Umsatzrückgang von bis zu 20 Prozent, 17 Prozent sogar mit bis zu 50 Prozent Umsatzrückgang. Bei 27 Prozent werden die Umsätze gleichbleibend erwartet, mit einer Umsatzsteigerung rechnen lediglich 7 Prozent.
Die Coronakrise trifft alle Branchen, wenngleich die einen mehr, und die anderen weniger, wie die Berichte der Fachausschussvorsitzenden der IHK Regensburg zeigten. „Uns allen muss bewusst sein, dass die Coronapandemie ein Bremsklotz für internationale Investitionen sein wird“, sagte der Vorsitzende des IHK-Ausschusses International Thomas Hanauer. Ostbayerns Exportwirtschaft leidet hierunter, ebenso wie unter Reise- und Handelsbeschränkungen. 80 Prozent der Exportunternehmen rechnen noch bis Ende 2020 mit Beeinträchtigungen ihres Geschäfts, vor allem weil internationale Lieferketten weiterhin gestört seien. Er beobachtet jedoch nicht, dass Ostbayerns Unternehmen deswegen ihre Lieferantenbeziehungen nach Deutschland verlagern. Eher würden die Firmen das Risiko streuen, indem sie gleiche Teile von mehreren Lieferanten aus verschiedenen Länder bezögen. Vonseiten der EU fordert Ostbayerns Exportwirtschaft eine weitere Vereinfachung der Dienstleistungsfreiheit und den Abbau von Bürokratiehürden wie etwa der A1-Bescheinigung.
Eine verhaltene Investitionsneigung zeigt sich auch in der regionalen Industrie. Die Firmen verzeichnen weniger Neuaufträge, was sich auf die Umsätze auswirkt. „In der Kurzarbeit sehen die Industriebetriebe Ostbayerns ein wichtiges Instrument, um Beschäftigung aufrecht zu erhalten“, sagte der stellv. Ausschussvorsitzende Johannes Helmberger. Vonseiten der Politik erhoffen sich die Industrielenker deswegen eine Verlängerung des Kurzarbeitergelds über das Jahresende hinaus sowie eine Senkung der Unternehmenssteuern. „Verwaltungsaufgaben sollten verstärkt digitalisiert und bei wichtigen staatlichen Infrastrukturmaßnahmen nicht gekürzt werden“, schob Helmberger hinterher.
Für die Mobilitätsbranche berichtete Ausschussvorsitzender Manfred Jürgen Fichtl von zeitweise starken Einbrüchen im Transportgewerbe, die schließlich an der Lage der Industrieunternehmen sowie an den zeitweise geschlossenen Grenzen lagen. Das Busgewerbe und das Taxigewerbe standen im Lockdown enorm unter Druck.

Handel, Gastro und Tourismus stärken

Ostbayerns lokaler Einzelhandel wurde von den Corona-Maßnahmen mit voller Breitseite getroffen, der Großhandel wurde weitestgehend eingeschränkt. Lediglich der regionale Online-Handel konnte während des Lockdowns zulegen, berichtete der Handelsausschussvorsitzende Wolfgang Holzapfel. Wer hier bereits vor Corona neben dem Ladengeschäft auf Onlinesichtbarkeit und digitales Geschäft gesetzt hatte, der kam besser durch die schwere Zeit. Deshalb sollten die Händler nun noch mehr an ihrer Digitalisierung arbeiten. „Die Coronapandemie hat bereits laufende Trends in der Handelsbranche verstärkt“, sagte Holzapfel. Das sei leider auch bei der Kundenfrequenz in Ostbayerns Innenstädten zu beobachten. Diese sei nun nach dem Lockdown mitunter noch schlechter als davor. „Die Stadtentwicklung muss wieder verstärkt auf die Agenda der regionalen Politik“, schloss Holzapfel.
Dem stimmt Tourismusausschussvorsitzender Ulrich N. Brandl mit Blick auf die urbane Gastro und Hotellerie voll zu. Teilbranchen wie etwa Bars und die Clubszene stünden aktuell sogar am Rande ihrer Existenz. Nur wenige Gastronomen könnten die geltenden Einschränkungen so gut bewältigen, dass sie keine Umsatzeinbußen hinnehmen müssten. Die Freizeitbranche klagt noch immer über unklare Corona-Regelungen. Lediglich die ländliche Ferienhotellerie verzeichne nun volle Häuser. „Die Menschen sind froh, dass sie wieder raus dürfen und Urlaub machen können“, so Brandl. Die Gäste in den Hotels hielten sich nach seiner Beobachtung vorbildlich an die Hygieneregeln. Insgesamt werde der gesamte Hotel- und Gaststättenbereich 2020 mit Umsatzrückgängen zu kämpfen haben. „Einige Betriebe des Gastgewerbes kommen gut durch die Krise, andere werden die Krise indes nicht überleben“, gab Brandl zu bedenken, solange vonseiten der Politik kein Ausweg aus der Krise gezeigt werde.
IHK-Präsident Michael Matt dankte den Ausschussvorsitzenden für ihre Lageeinschätzung und zeigte sich beeindruckt vom Engagement der Unternehmen, wie sie die Coronakrise bewältigen.