Pressemeldung

Corona, Cham und Campus

Die Corona-Situation im Grenzlandkreis, die Rahmenbedingungen des Wirtschaftsstandortes Cham sowie die geplanten Erweiterungen des Technologie Campus waren die bestimmenden Themen beim virtuellen Austausch des IHK-Gremiums Cham am vergangenen Mittwoch. Gremiumsvorsitzender Dr. Alois Plößl begrüßte bei der Sitzung Landrat und Bezirkstagspräsident Franz Löffler, den Präsidenten der TH Deggendorf Prof. Dr. Peter Sperber sowie IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Jürgen Helmes. Besonders während der Corona-Pandemie zeige sich, „wie wichtig der konstruktive Austausch zwischen der regionalen Wirtschaft mit der Politik vor Ort ist“, zeigte sich Plößl sicher. Beide Seiten wollen pragmatische Lösungen hinsichtlich Erleichterungen und Planbarkeit – vor allem für die stark vom Lockdown betroffenen Branchen. Die aktuellen Bundesbeschlüsse machen diesem Wunsch jedoch einen Strich durch die Rechnung.

Ausnahmezustand im Handel

Vor allem bei den Einzelhändlern in der Grenzregion macht sich Frustration und Enttäuschung breit, denn die aktuellen Regelungen rücken eine breite Öffnungsperspektive in weite Ferne. Das Coronavirus wütet im benachbarten Tschechien und treibt damit auch die Inzidenzwerte im Landkreis jenseits der 50er-Marke, ab der offiziell Öffnungen mit begrenzter Kundenzahl möglich sind. Ausgenommen davon sind Geschäfte des täglichen Bedarfs, zu denen nun auch Gärtnereien, Baumärkte oder Buchhandlungen gehören. Eine massive Ungleichheit innerhalb der Branche sei die Folge, die sich nicht mehr objektiv erklären ließe, so Gremiumsmitglied Helmut Hagner, Geschäftsführer der Frey Unternehmensgruppe. Zusammen mit zwei weiteren Leitbetrieben aus der Region habe man deshalb die Initiative „Ostbayern sieht Schwarz“ ins Leben gerufen, um auf die teils existenzbedrohende Lage insbesondere auch bei kleinen Geschäften aufmerksam zu machen. Die fehlende Perspektive in der Gastronomie, Hotellerie und der Veranstaltungsbranche mache dem starken Tourismusstandort ebenso zu schaffen. Landrat Löffler verstehe die Not vieler Betriebe und hätte sich bei einigen Entscheidungen der Landes- und Bundespolitik alternative Wege gewünscht. Er betonte die Komplexität des „aktuellen Katastrophenfalls, für den wir leider kein Handbuch haben“ und sicherte zu, sich weiter für wirtschaftsfreundliche Bedingungen vor Ort während der Corona-Krise einzusetzen.

Weg von starren Regeln

Grundsätzlich sollten Inzidenzwerte nicht als alleiniges Entscheidungskriterium für Lockerungen herangezogen werden, so der Konsens. „Das ist vor allem für eine Grenzregion nicht zielführend und gibt ein verzerrtes Bild des Infektionsgeschehens wieder“, argumentierte Verkehrsunternehmer Josef Dischner. Um Chancengleichheit und eine klare Öffnungsperspektive für die betroffenen Branchen zu erreichen, müssten Regelungen individueller und flexibler gestaltet werden – pragmatisch und ohne selbst auferlegte, bürokratische Hürden. Vorschläge von Seiten der Unternehmerschaft waren beispielsweise, Click&Meet-Services auch bei einem Inzidenzwert von mehr als 100 zu ermöglichen beziehungsweise die Quadratmeterregelungen anzupassen. Der Weg in Richtung Normalität gelinge nur aus einem Ineinandergreifen aus Impfung, Testung und Hygienekonzepte, waren sich alle Beteiligten einig. Mit Blick auf die Impfstrategie im Landkreis bekräftigte Löffler: „Bei uns gibt es keine Impfdosen im Schrank.“ Unternehmer mit tschechischen Beschäftigten betonten, dass sie nicht die Grenzpendler als Grund für die hohen Inzidenzwerte im Landkreis sehen. Die Betriebe testen bereits mehrere Wochen intensiv in Eigeninitiative. Es zeige sich, dass die Teststrategie an der Grenze zu Tschechien in Verbindung mit Tests in den Unternehmen funktioniere. Die enge Verbindung des gemeinsamen Wirtschaftsraumes dürfe nicht länger als nötig unterbrochen werden und müsse deshalb bei Entscheidungen der Landes- und Bundepolitik besonders mitgedacht werden.

Standort profitiert vom Technologie Campus

Darüber hinaus diskutierte das IHK-Gremium mit Landrat Löffler die Stärken und Schwächen der Wirtschaftsregion. Corona habe die Notwendigkeit eines flächendeckenden Mobilfunk- und Glasfaserausbaus nochmals verstärkt, so der Status quo. Die Ergebnisse der IHK-Standortumfrage 2020 für den Landkreis Cham untermauern den Handlungsbedarf. „Die Unternehmen bewerten die digitale Infrastruktur hinsichtlich Mobilfunk und Breitband als klaren Standortnachteil“, erklärte IHK-Bereichsleiterin Standortpolitik Sibylle Aumer. Luft nach oben sehen die befragten Betriebe außerdem bei der überregionalen Verkehrsanbindung, der ÖPNV-Taktung im Flächenlandkreis sowie der Dauer von Genehmigungsverfahren. Der Standort punktet vor allem mit loyalen, motivierten Mitarbeitern und seiner hohen Umwelt- und Lebensqualität. „Mit der aktuellen Energieversorgung ist ein Großteil der befragten Unternehmen zufrieden, wobei sich die Betriebe beim Thema Energie einen ‚Masterplan‘ für die künftige Entwicklung wünschen“, wusste Aumer.
Was die Region aus Sicht jedes zweiten Unternehmens aufwerte, sei der Technologie Campus. Vergangene Woche hatte der Freistaat bekannt gegeben, den seit 2012 bestehenden regionalen Hochschulstandort mit zwei weiteren Lehrprofessuren und einem Hörsaalgebäude auszustatten. Damit etabliere sich Cham als dritter Studienstandort neben Deggendorf und Pfarrkirchen, betonte TH-Präsident Prof. Dr. Sperber, der über die Planungen informierte. Der Technologie Campus und das Digitale Gründerzentrum Cham seien Innovationstreiber und für die Industrie in der Region zentrale Partner für Technologie- und Innovationsprojekte in den Bereichen Additive Fertigung, Robotik und Automatisierung, so Sperber. Auch die Ausbildung von akademischen Fachkräften vor Ort sei ein großer Vorteil für die Betriebe. Gemeinsam mit Gremiumsvorsitzendem Plößl appellierte er an die regionalen Unternehmen, bei Förderprojekten oder in der Auftragsforschung mit den Institutionen in Cham zusammenzuarbeiten, um Know-how zu bündeln und ihre überregionale Bedeutung weiter zu stärken.
(12.03.2021)