Unternehmensportrait - Ausgabe 11|12

Packendes Können

Deckel auf, Produkt rein, Deckel zu. Ganz so einfach ist es dann doch nicht, wenn Stifte, Fahrradlampen oder Schokolade sicher und schön verpackt werden sollen – „und individuell“, ergänzt Hans Schuster.
Er ist Geschäftsführer des Neumarkter Verpackungsherstellers Wittmann Druck + Verpackung GmbH und hat genaue Vorstellungen, welche Funktionen gelungene Verpackungen erfüllen sollen: „Sie schützen die Ware auf ihrem Transportweg, präsentieren sie kreativ am Zielort und informieren den Verbraucher beispielsweise über Inhaltsstoffe oder Anwendungsmöglichkeiten.“ Dabei ist quadratisch nicht immer praktisch.

Schützen und Präsentieren

Bevor eine Verpackung im Laden steht oder verschickt wird, sind viele Schritte notwendig: Konstruktion, Drucken, Stanzen und Kaschieren. Als CAD-Modelle entwickeln die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Produkt um das Produkt. Dabei zählt nicht nur das Äußere – insbesondere mit Blick auf den Schutz des Inhalts. Die Form des Produkts verbunden mit Gestaltungsanforderungen der Kunden sind maßgebend. Ein Evergreen unter den Verpackungen ist die Faltschachtel. Während eine Cremedose in einem auf ihre Maße abgestimmten Quader Platz findet, brauchen beispielsweise Stirnlampen und deren Akku im Schachtelinneren zusätzlich Einkerbungen und Laschen, die sie an Ort und Stelle halten.
Maschinenführer Reiner Schneider prüft die Farben des Drucks und stellt die Parameter der automatischen Farbsteuerung ein.
Maschinenführer Reiner Schneider prüft die Farben des Drucks und stellt die Parameter der automatischen Farbsteuerung ein. © Wittmann Druck + Verpackung GmbH
Ist die Erstellung des geometrischen Modells am Computer abgeschlossen, wird geplottet und getestet, ob beispielsweise die Falze richtig liegen und die Größenverhältnisse passen. Die Verpackungsentwicklung erfolgt stets in enger Abstimmung mit den Kunden. Sind alle Beteiligten zufrieden, werden die benötigten Stanzformen beim Werkzeugbau in Auftrag gegeben, die Produktionsdaten erstellt und an Druck-, Stanz-, Klebe- sowie Kaschiermaschine weitergegeben. „Über unsere eigens entwickelte Datenbanklösung sind die Daten der Produktionsschritte durchgängig digital miteinander vernetzt“, erklärt Schuster. Nach der Produktion gehen die Verpackungen direkt zum Kunden und werden dort aufgefaltet und händisch oder maschinell befüllt. Das Verschieberegallager bei Wittmann Druck + Verpackung bietet zusätzlich die Möglichkeit, auf bis zu 1.200 Europaletten fertige Produkte zwischenzulagern. Logistikleiter Marc Mösl sorgt dafür, dass die Auftraggeber ihre Produkte genau zum benötigten Zeitpunkt erhalten.
Für einen optimalen Auftritt der Waren im Verkaufsraum dienen zusätzlich sogenannte Displays. Auch das übernimmt der Betrieb und entwickelt Aufsteller, die verschiedene Produkte einer Marke auf einer Fläche präsentieren. Dabei kommen gerade in der Kosmetikbranche Besonderheiten wie integrierte Tester für Make-up hinzu. Wenn die Aufbauarbeiten komplexer werden, unterstützen Vertriebsleiter Thomas Simson und Projektleiterin Michaela Fink auch vor Ort. Wer seine Produkte oder Services beispielsweise von einem Prominenten präsentiert haben möchte, kann einen Pappaufsteller in Lebensgröße dazustellen. Seit diesem Jahr können die Promis sogar über ihre tatsächlichen Körpermaße hinauswachsen. „Unser neuer großformatiger Plotter kann Formate von 2,5 auf vier Meter am Stück herstellen“, erzählt Schuster.

Flexibel und verlässlich

Maschinell ist der Betrieb für kleinere und mittlere Auflagen gerüstet. In Zahlen bedeutet das durchschnittlich fünf bis sechs Aufträge am Tag mit einer Auflage von 20.000 – 50.000 Bögen. Je nach Größe der einzelnen Verpackungen ergeben sich daraus bis zu 200.000 Einzelstücke. Aufträge mit wenigen Stückzahlen gebe es auch, aber „ein Stück von etwas ist verhältnismäßig teuer.“ Die Fixkosten zur Erstellung der Modelle und Werkzeuge verteilen sich bei mittleren Auflagen besser. Für die Kunden bedeute das nicht nur ein Abarbeiten zu einem vordefinierten Preis, sondern ein gemeinsames Tüfteln und Probieren, bis der Auftrag zur Zufriedenheit aller erfüllt werden kann. „Wir wollen nicht schneller, höher, weiter – wir wollen mittelständisch, flexibel, verlässlich“, betont Schuster.
Wachstum herrscht dennoch. Seit Januar dieses Jahres schultert eine neue Sechsfarbendruckmaschine mit Lackausstattung die Produktion, eine Gesamtinvestition von rund 1,9 Millionen Euro. „Die Maschine läuft deutlich schneller als ihre Vorgängerin. Viel wichtiger ist für uns jedoch, die bessere Farbregelung während der Produktion und die schnelleren Farb- und Formatwechsel für verschiedene Aufträge“, sagt der Geschäftsführer.
Geschäftsführer der Wittmann Druck + Verpackung GmbH Hans Schuster
© Simone Hannes
Die Konstruktion ist unser bestes Vertriebsinstrument.

Hans Schuster


Schokoladiger Beweis

Die spannendsten Aufträge seien die, bei denen die Kunden einen Vertrauensvorschuss geben und „uns einfach mal machen lassen“. Dann entstehen ein Sixpack-Karton für Bier mit einer Aussparung für das zugehörige Glas, Kosmetikverpackungen mit Tragegriff oder ein achtkantiges 3D-Modell eines Bleistifts, in dem eben jene als Set verpackt sind. „Die Konstruktion ist unser bestes Vertriebsinstrument“, ist Schuster stolz auf die hauseigene Entwicklung. „Wenn es da eine gute Idee gibt, gibt es kein zurück.“ Für den Kunden bedeute das eine individuell auf sein Produkt und seine Marke angepasste Lösung.
Ein Baukasten als Adventskalender: Seine Würfel zeigen in die richtige Richtung gedreht sechs verschiedene Weihnachtsmotive.
Für seine Kunden entwickelt das Unternehmen jedes Jahr einen Adventskalender, dessen Herzstück stets Faltschachteln in verschiedensten Kontexten sind. Darunter auch ein Baukasten-Kalender, dessen Würfel in die richtige Richtung gedreht sechs verschiedene Weihnachtsmotive zeigen. © Simone Hannes
Jedes Jahr zur Weihnachtszeit stellt das Unternehmen seinen Anspruch an Exklusivität und Qualität mit einem eigens für seine Kunden entwickelten Adventskalender unter Beweis. „So können wir Danke sagen und gleichzeitig zeigen, was wir können.“ In den letzten Jahren ließen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter immer wieder etwas Neues einfallen: Schneemänner, die dem Empfänger ihren Bauch mit 24 schokoladengefüllten Faltschachteln entgegenstrecken, ein Baukasten-Kalender, dessen Würfel in die richtige Richtung gedreht sechs verschiedene Weihnachtsmotive zeigen oder Bücher aus Karton, die sich in der Mitte aufschlagen und dort befüllte Kästchen herausnehmen lassen.

Verpackungskreislauf ankurbeln

Wie alle anderen Verpackungen stellt das Unternehmen die Adventskalender ausschließlich aus Karton und Wellpappe her. FSC-zertifiziert? Klar, das sei inzwischen schon fast Standard. „Besonderheiten wie Magnetverschlüsse, Prägungen oder Effektlack ergänzen unsere Verpackungen“, erklärt Schuster. Nur vereinzelt findet sich ein Blickfenster aus durchsichtiger PE-Folie, wenn der Kunde das für die Produktpräsentation wünscht. Allgemein bemerkt der Geschäftsführer jedoch, dass „Plastik immer mehr durch Karton ersetzt wird, insbesondere Bestandskunden kommen deshalb auf uns zu und suchen nach Alternativen zu ihren bisherigen Plastikverpackungen.“ Seit 2012 druckt das Unternehmen mit lebensmittelechten Farben – bis hin zum Schmierstoff. Gemeinsam mit dem Farbenhersteller wurden die Farben so lange optimiert, bis sie trotz anderer Pigmentierung die gewohnte Deckkraft leisteten. Makulaturbögen, Anlaufmaterial und Stanzabfälle, die während des Produktionsprozesses anfallen, werden in Ballen gepresst wieder an die Kartonfabrik verkauft und so in den Kreislauf zurückgebracht. Bis zu sieben Mal sei das möglich.

An Bord bleiben

Inzwischen ist das Unternehmen 125 Jahre alt. Manche Beschäftigte sind schon über ein Drittel dieser Zeit mit an Bord. Unter den 33 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die überwiegend aus den Bereichen Drucktechnik, Verpackungstechnik und Medientechnik kommen, liegt der Rekord der Betriebszugehörigkeit bei 48 Jahren. „Ich möchte eine Firma, in die man als Mitarbeiter gerne geht“, unterstreicht Schuster. Unter anderem deshalb gebe es auch ein Ein-Schicht-Modell und nur in besonderen Ausnahmefällen – abhängig von der Auftragslage – zwei Schichten. Er ist stolz auf seine Mannschaft, zu der inzwischen auch zwei Auszubildende im Bereich Medientechnologie und Verpackungsindustrie zählen. Er selbst kam 1990 als Druckingenieur ins Unternehmen und übernahm 2005 die Geschäftsführung des aktuellen Inhabers Oskar Wittmann.
Bereits 2002 zog die Wittmann Druck + Verpackung GmbH ins Neumarkter Gewerbegebiet Stauf-Süd. Der Eigentümer Oskar Wittmann investierte damals in den neuen Standort inklusive Maschinenpark 6,5 Millionen Euro. Auf dem Dach des Firmengebäudes wurde eine Photovoltaikanlage mit knapp 300 Kilowatt verbaut, die das Unternehmen weitestgehend autark versorgt. „Wenn wir mal zukaufen müssen, dann nur Erneuerbare Energien“, sagt Schuster.
Die Baugenehmigung für eine weitere Produktionshalle am Standort wurde kürzlich erteilt und Investitionen in neue Maschinen getätigt. Dann ist noch mehr Raum – für individuelle und praktische Lösungen, die nicht immer nur quadratisch sind.