Titel - Ausgabe 07|08

Urlaub daheim

Seit Beginn der Corona-Pandemie sortiert sich die Tourismusbranche neu. Während sich Unternehmen nach Öffnungsszenarien mit Planungssicherheit sehnten, warteten Touristen auf die Möglichkeit, wieder zu reisen. Die Zwangspause nutzen die Übernachtungs- und Erlebnisanbieter aber auch, um ihr Angebot zu verbessern und zu modernisieren. Ihre Gäste, die zumindest für den Moment größtenteils aus der Umgebung kommen, entdecken ihre Heimat neu.
Ein Himmel, tiefblau, spiegelt sich auf dem glatten Wasser. Umkränzt von birkendurchsetztem Wald fliegt ab und zu ein Reiher auf, sein rasches Flattern durchbricht die Stille, wie nur hin und wieder das leise Brummen eines Motorseglers. Wer diesen Ort sucht, braucht nicht nach Skandinavien aufzubrechen. Der lyrische Landschaftsdreiklang aus Wasser, Wald und klarem Licht säumt im Norden den Goldsteig. Seit September 2007 führt der ausgeschilderte Fernwanderweg von der oberfränkischen Kleinstadt Marktredwitz bis nach Passau durch den Oberpfälzer- und Bayerischen Wald.

Wellness vom Feinsten mitten im Wald

SPA-Bereich des Hotels Bayerwaldhof in Bad Kötzing
SPA-Bereich des Hotels Bayerwaldhof in Bad Kötzing © Agentur Dreibein
Und wer nach stundenlanger Wanderung durch satte Natur ein Plätzchen zum Rasten und Nächtigen braucht, der wird erstaunt sein, welche ungewöhnlichen Orte sich dazu quasi hinter jeder Ecke auftun. Zum Beispiel trifft man mitten im Wald auf Luxus pur. Denn auf einem Wiesenhügel über Bad Kötzting liegt im Herzen des Bayerischen Waldes das traditionsreiche Wellnesshotel Bayerwaldhof.
Entstanden aus einem kleinen Gasthaus in Dorf Liebenstein im Jahre 1971 bietet das Hotel heute mit 188 Mitarbeitern Kulinarik, Wellness und Fitness für ein erholungssuchendes Publikum. Vor fünf Jahren engagierte die Inhaberfamilie dazu einen renommierten Hoteldirektor, der zuletzt am Wörthersee tätig war und dem Unternehmen seither noch einmal einen ganz eigenen Schliff verleiht.

Sicherheit mit Herz

Alfons Weiß hat sich und sein Team ganz dem Qualitätstourismus verschrieben. „Der Bayerwaldhof bietet bewusst kein Day-Spa an, ebenso wenig wie die klassische Übernachtung mit Frühstück. Wir wollen vielmehr den Gast für einen festgelegten Preis, der immer mit einem großen Inklusivangebot gekoppelt ist, rundum verwöhnen“, erklärt er.
Für die Saison 2021 hat sich das Haus daher nicht nur ein eigenes Sicherheits- und Hygienekonzept überlegt, das inzwischen vom ADAC ausgezeichnet wurde, sondern auch ein komplett neues Fitnessstudio auf 500 Quadratmetern bauen lassen. Es ergänzt den Wellnessbereich, der bereits zuvor 1.500 Quadratmeter fasste.
Die Pandemie hat das Hotel außerdem genutzt, um in allen Bereichen Verbesserungen vorzunehmen, selbst das Personal wurde gecoacht und mit einem Resilienz-Training bedacht, um dem Gast jederzeit entspannt und positiv begegnen zu können. Dementsprechend war der Bayerwaldhof bereits im Frühjahr für die gesamte Saison nahezu ausgebucht.
Hygienemaßnahmen wie immer denselben Tisch, an dem die Gäste für die gesamte Dauer ihres Aufenthalts Platz nehmen, funktioniert das Hotel zum besonderen Schmankerl um. „Ihr eigener Tisch“ wird zum Service, der dauerhaft beibehalten werden soll. „Generell gibt es bei der Kulinarik ja keinerlei Einschränkungen, und das wissen unsere Gäste sehr zu schätzen“, so Weiß.

Rast im Knast

Während der Wanderer für die Einzelübernachtung indes hier eher nicht fündig wird, bietet sich ihm andernorts ein besonderes Bett: in der Zelle. Die Amberger Fronfeste war zwischen 1699 und 1966 ein Gefängnis und dümpelte anschließend vor sich hin, ehe 2007 Gerald Stelzer mit seinen Geschäftspartnern ihr Potenzial entdeckte. Nach sechs Horrorjahren – „Denkmalschutz mit vergitterten Fenstern trifft auf Brandschutz eines Hotels“ – konnte er 2013 endlich eröffnen.
Amberger Hotel Fronfeste -
Amberger Hotel Fronfeste - "Rast im Knast" © Marcus Rebmann
Seitdem boomt die „Rast im Knast“, vor allem Radtouristen schätzen die besondere Unterkunft am Fünf-Flüsse-Radweg, mittig zwischen Nürnberg und Regensburg gelegen. Während der Lockdowns war die besondere Bleibe aber auch bei Businessgästen beliebt. „Die fanden gleich einen Einstieg bei ihren Geschäftspartner, wenn sie erzählten, sie hätten heute im Knast geschlafen“, sagt Stelzer.

Schlafvollzug mit Erlebnis

Verschiedenste Zimmer mit Schauderfaktor gibt es, von der klassischen Einzelzelle über das Zimmer vom Eisenknecht und den Operationssaal bis hin zur Kapelle. Ein Konzept mit Suchtfaktor offenbar, denn die Gäste kommen immer wieder und buchen ein anderes Übernachtungserlebnis.
Die Lockdowns hat Stelzer genutzt, um sein Angebot zu erweitern. „Derzeit gibt es viele Fördergelder und Möglichkeiten, außerdem hatten wir etliche Monate Zeit, um Konzepte zu entwickeln und Innovationen umzusetzen“, sagt er. In den geschlossenen Monaten begann er mit dem Bau eines Escape-Rooms – „ein folgerichtiges Erlebnis für uns“. Dieser liegt wie die Feste direkt in der Stadtmauer und soll künftig Privatleute, aber auch Geschäftsreisende, zum Ausbruch animieren. „Vielleicht wird dann im Rahmen eines Incentive-Trips nur der Chef weggesperrt und die Mitarbeiter übernehmen“, so Stelzer.

Viel Neues entstanden

Viele Betriebe nutzten die Zeit während der coronabedingten Schließungen, um zu renovieren und investieren. „Dennoch darf man nicht aus den Augen verlieren, dass es viele Betriebe gibt, denen diese Monate extrem zu schaffen gemacht haben und die um ihre Existenz kämpfen“, betont IHK-Tourismusexpertin Silke Auer. Finanzielle Rücklagen schmolzen, während die Betriebe die langwierige Abwicklung und Beantragung der finanziellen Hilfen bis hin zur Auszahlung der Gelder überbrücken mussten.
Insbesondere Reisebüros oder Betriebe aus der Veranstaltungsbranche waren abhängig von Regelungen, die ihnen oftmals kaum unternehmerischen Spielraum gaben und zum Abwarten zwangen. Aber auch der Tourismus in Städten erlebte einen gewaltigen Einbruch. „Sofern Reisen möglich waren, zog es die Gäste zur Erholung eher aufs Land. Zudem sank die Zahl der Geschäftsreisenden auf ein Minimum“, beobachtet Auer. Es werde sich zeigen müssen, wie schnell der Tagungstourismus wieder wie auf Vor-Corona-Niveau ansteigen werde.
Bei all dem stimmt der Unternehmergeist der regionalen Betriebe Auer positiv: „In den letzten Jahren erlebte der Tourismus im ostbayerischen Raum einen unglaublichen Innovationsschub und entwickelte ein qualitativ hochwertiges Angebot, das immer weiter ausgebaut wird.“ Das Konzept „Urlaub dahoam“ gewinne immer mehr an Bedeutung – nicht nur im Hinblick auf Reisebeschränkungen, sondern in Bezug auf Regionalität und Nachhaltigkeit.

Leinen los

Hausboot der greenpartment boardinghousehotel GmbH
Urlaub auf einem Hausboot © greenpartment boardinghousehotel GmbH
Das gilt ganz generell für den Urlaub im eigenen Lande, aber insbesondere für neue Formen des Entspannens und Nächtigens. Zum Beispiel auf dem Wasser. Denn während in Brandenburg und Berlin Hausboote schon länger nichts Besonderes mehr sind, sucht man in Bayern und der Oberpfalz bislang vergeblich nach den schiffbaren Unterkünften.
Das wollte Philip Günter und mit ihm die ERRT Unternehmensgruppe ändern. Deren vier Gesellschafter-Geschäftsführer sind traditionell als Bauträger aktiv, leiten aber seit 2015 auch einen klassischen Boardinghouse-Betrieb für die gewerbliche Wirtschaft. In Ingolstadt und Neustadt an der Donau vermieten sie 150 Zimmer von der Bauleiterunterkunft bis zum klassischen Monteurzimmer quasi personalfrei.
Da zwei der vier GF-Gesellschafter passionierte Wasserurlauber sind, etwa auf dem Canal du Midi in Frankreich auf Hausbooten unterwegs waren und auch das Mittelmeer durchsegelten, reifte die Idee, diese Form des Entspannens an die Donau zu bringen. „2018 haben wir angefangen, mit sämtlichen Behörden, Bürgermeistern und Landratsämtern zu sprechen und eine Erlaubnis für unseren Hausbootbetrieb zu bekommen“, erinnert sich Günter.

Hausboot im klassischen Chartermodell

Nach „unendlich vielen Runden“ gelang es, im August 2020 das erste Boot einzuweihen. Es liegt im eigens gepachteten Sportboothafen in Prunn bei Riedenburg vor Anker. In diesem Sommer soll ein zweites, im kommenden Jahr ein drittes Boot folgen. Das Besondere dabei: Die Gäste können sich auf dem Boot nicht nur einmieten, sondern auch investieren.
„Wir haben ein klassisches Chartermodell gewählt wie es auch im Rest Deutschlands üblich ist“, erklärt Günter. Interessenten können ein Boot oder einen Teil davon kaufen, und ERRT nimmt es dann in die Vercharterung im Full-Service. „Der Investor hat eine Wertanlage, bekommt eine Rendite und hat überdies ein Boot, das er auch einen Teil der Zeit selbst nutzen kann“, so Günter.
Das erste Boot wurde in Polen hergestellt, alle weiteren Boote werden von einem regionalen Hersteller direkt aus Neustadt an der Donau gefertigt und geliefert. „Dadurch haben wir sehr kurze Wege und sind im gesamten Bauprozess mit dabei“, sagt der Geschäftsführer. Grundsätzlich gehe es darum, die Möglichkeit zu bieten, Investition und Urlaub zu verbinden, und um die Schönheit und Großartigkeit der Landschaft. Denn das mag schon stimmen: Vom Wasser aus eröffnet sich eine ganze neue Perspektive auf das Land.
- von Alexandra Buba