Titel - Ausgabe 07|08

„Touristische Informationen via Smartphone“

Mehr Naturerlebnis, rauf aufs Rad und raus aus den Bettenburgen – für die Neuorientierung im Tourismus hatten sich die Oberpfalz und der Landkreis Kelheim schon vor der Pandemie gerüstet: Bereits 2019 waren Fernwander- und Radwege fertig ausgebaut und Unterkünfte auf die neuen Urlauber vorbereitet worden. Und noch etwas steht schon länger ganz oben auf der Agenda des Tourismusverbands Ostbayern e. V. (TVO): die Digitalisierung. Dr. Michael Braun, geschäftsführender Vorstand des TVO erklärt, weshalb.

Wie ist die Lage bei den ostbayerischen Tourismusbetrieben?

Dr. Michael Braun, Geschäftsführender Vorstand des TVO
Dr. Michael Braun, Geschäftsführender Vorstand des Tourismusverbands Ostbayern e. V. (TVO) © Illig
Braun: Spätestens mit der Überbrückungshilfe III erlangten die allermeisten Betriebe die Sicherheit, dass sie die Krise überstehen würden. Wir haben auch nie wirklich eine überwiegend schlechte Stimmung verspürt. So waren die Investitionsanträge für gewerbliche Objekte im Tourismus im Jahr 2020 bei uns in der Region so hoch wie nie zuvor. Tatsächlich nutzen viele Betriebe die Zeit des Stillstands, um in Qualität zu investieren. Corona wirkt als Trendbeschleuniger.

Was sind die wesentlichen Trends, die Sie dabei feststellen?

Insgesamt drei entscheidende: So geht der erste Trend ganz klar in Richtung Professionalisierung. Wer heute noch Eiche rustikal-Ambiente anbietet, hat etwas verpasst. Zweitens wird der naturnahe Tourismus immer wichtiger. Die Leute wollen draußen etwas erleben, die Natur spüren und nicht mehr im Massenhotel jeden Tag am selben Strand verbringen. Hier hat sich unsere Region in den vergangenen Jahrzehnten sehr gut aufgestellt, der Fernwanderweg „Goldsteig“ etwa oder die vier Leuchtturmradwege in den ostbayerischen Tourismusregionen sind Beispiele dafür. An dritter Stelle steht die Digitalisierung.

Die Ihnen ganz besonders wichtig ist?

Ja, weil der Onlinevertrieb und die digitale Information im Tourismus ständig an Bedeutung zunehmen. Da muss man sich als Betrieb heute zwingend positionieren.

Wie unterstützt Ihr Projekt „Digital Coaching“ die Tourismusbetriebe dabei?

Zuerst haben wir zusammen mit der Universität Passau im Rahmen des Digitour-Projekts einen externen Digitalcheck sämtlicher gut 6.000 Tourismusbetriebe in unserer Region durchführen lassen. Eine Armada von Studenten hat dabei geprüft, wie die Übernachtungs- und Erlebnisanbieter online präsent sind, etwa ob diese digital buchbar sind oder etwa eine responsive Homepage haben. Gerade der letzte Punkt war uns wichtig, da 70 Prozent unserer Gäste auf touristische Informationen via Smartphone und nicht über den Computer zugreifen. „Mobile first“ ist das Gebot der Stunde.

Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?

Tatsächlich sind die Ergebnisse sehr unterschiedlich und auch nicht unbedingt vergleichbar. Denn manche Betriebe haben beispielsweise zwar keine Homepage, benötigen diese aber gar nicht, da sie in allen Buchungsportalen wie booking.com, Airbnb, Expedia und so weiter auch präsent sind.

Gerade Letzteres ist ja wegen der Fülle der Portale keine leichte Aufgabe.

Daher bieten wir neben unserem Digitalcoaching-Programm mit Webinaren und Einzelcoachings auch die Verbesserung der Onlinebuchbarkeit mittels Channel-Management an. Dabei sorgen wir dafür, dass der Unterkunftsbetrieb ohne großen Aufwand in allen größeren Buchungsplattformen vertreten ist. Derzeit haben wir hier schon 40 Prozent der Übernachtungsbetriebe in Ostbayern (mehr als 2.000) an Bord. Was ich beinahe noch beeindruckender in puncto Professionalität unserer Betriebe finde, ist die Tatsache, dass man bei weiteren 18 Prozent somit insgesamt bei 58 Prozent aller Betriebe bereits online in Echtzeit buchen kann. Das ist ein Superwert, da der bundesweite Durchschnitt im ländlichen Raum gerade einmal bei 20 Prozent liegt.

Wie wichtig das ist, hat ja nicht zuletzt die Corona-Krise gezeigt.

Ja, hier hatten wir einen regelrechten Boost. Denn die 35.000 Stornierungen, die dem ersten Lockdown zwischen Mitte März und Ende Mai 2020 geschuldet waren, hatten wir bereits bis zum 15. August 2020 wieder kompensiert. Insgesamt wurden im Jahr 2020 tatsächlich genauso viele Onlinebuchungen über uns vermittelt wie 2019 – und das, obwohl viereinhalb Monate gefehlt haben. Als Tourismusverband Ostbayern nehmen wir die Vorreiterrolle in Bayern ein, wenn es um das Onlinegeschäft geht.

Neben etwa 4.800 Übernachtungsbetrieben gibt es ja auch rund 1.500 Erlebnisanbieter in der Region – von der Kräuterwanderung bis zum Fallschirmsprung. Wie sieht es hier beim Onlinevertrieb aus?

Mit diesem Gebiet beginnen wir gerade erst. Tatsächlich sind die Angebote ja häufig komplexer als eine schlichte Übernachtung zu einem bestimmten Termin es sein kann. Wir rollen gerade das System in der Pilotregion Oberpfälzer Wald aus und sind gespannt auf die Resonanz.
Vertreten sind etwa Anbieter wie der Wildpark Hölllohe oder das Freilicht-Museum Neusath-Perschen. Wichtig ist, dass wir uns bemühen, die gesamte Serviceleistung im Hintergrund abzubilden, also auch die Besuchersteuerung oder die Bezahlung. Denn häufig sind Erlebnisanbieter selbst stark ins operative Geschäft eingebunden und haben für administrative Tätigkeiten keine eigenen Büromitarbeiter.

Generell betonen Sie, dass die Online- zwar die Offline-Welt nicht ablösen wird, sich aber niemand der Digitalisierung verschließen sollte. Weshalb?

Ich glaube, dass auch weiterhin haptische Elemente gefragt sein werden, also etwa ein hochwertiger Hotelprospekt oder eine Wanderkarte. Doch wir erleben schlichtweg, dass an der Digitalisierung und insbesondere am digitalen Vertrieb in Zukunft kein Weg vorbei gehen wird. Und deshalb möchten wir insbesondere auch alteingesessene Betriebe ermutigen, auf unseren vielfältigen Instrumentenkoffer zuzugreifen, um einen Einstieg zu finden.
- von Alexandra Buba