Region - Ausgabe 09|10

Wie die Corona-Hilfen ankommen

Mehr als 345 Millionen Euro an Corona-Hilfen haben Unternehmen aus dem IHK-Bezirk bislang abrufen können. Eine Zwischenbilanz.
Die Corona-Pandemie hat das Tagesgeschäft von Werner Pirzer durcheinandergewirbelt. Rund 100 Buchführungsmandate für die Corona-Hilfen betreut seine Steuerberatungsgesellschaft in Teublitz aktuell – denn die Anträge müssen meist über prüfende Dritte gestellt werden. „Wir müssen täglich up to date sein und über alle kurzfristigen Änderungen und Anträge Bescheid wissen, damit wir unsere Mandanten immer auf dem Laufenden halten, wie sich die Situation für den Einzelnen darstellt“, so Pirzer. „Alle nicht mit den Corona-Hilfen verbundenen schiebbaren Fristen werden wir zum Ende des Jahres hin abarbeiten müssen, wenn die Überbrückungshilfen-Anträge hoffentlich weitestgehend abgeschlossen sind.“
Seit Juli 2020 haben von der Corona-Krise betroffene Selbstständige, Betriebe und Einrichtungen in Bayern Zuschüsse in Höhe von rund 6,2 Milliarden Euro erhalten (Stand Juli 2021). Die Summe umfasst die Hilfsprogramme Überbrückungshilfe I bis III, Neustarthilfe, November-, Dezember- sowie die bayerische Oktoberhilfe. Im Bezirk der IHK Regensburg für Oberpfalz / Kelheim gingen hiervon insgesamt mehr als 345 Millionen Euro an die regionalen Unternehmen, knapp 18.500 Anträge wurden gestellt (bayernweit waren es rund 266.000 Anträge).
Im Freistaat ist die IHK für München und Oberbayern im Auftrag der Bayerischen Staatsregierung für die Abwicklung der Wirtschaftshilfen zuständig. Beim Blick in die Branchen bestätigt sich die gefühlte Betroffenheit durch die Lockdown-Maßnahmen. Bayernweit gingen mit 47 Prozent fast die Hälfte der bewilligten Gelder an Antragsteller aus dem Gastgewerbe, also Hotels, Restaurants, Diskotheken, Bars und Catering-Unternehmen. Mit einem Anteil von rund zwölf Prozent folgt der Wirtschaftszweig „Kunst, Unterhaltung und Erholung“, zu dem unter anderem Museen, Theater, Konzertveranstalter, Freizeitparks und Fitnessstudios gehören. Weitere zwölf Prozent der Corona-Hilfen gingen an Betriebe aus dem Einzel- und Großhandel. Im Schnitt beträgt die Auszahlung eines erfolgreichen Antrags oberpfalzweit rund 18.700 Euro.

Nicht jede Geschäftsaufgabe eine Insolvenz

Klar ist auch, die Corona-Hilfen konnten vielen Firmen helfen, allen jedoch nicht. „Wir hätten erwartet, dass die dringend benötigte Liquidität bei den Unternehmen etwas schneller ankommt“, stellt IHK-Expertin für Unternehmensfinanzierung Daniela Klemm fest. „Viele mussten sehr lange darauf warten, bis Geld geflossen ist. Außerdem ändern sich laufend die Voraussetzungen der Anträge, somit müssen diese immer wieder neu überarbeitet werden“, beobachtet Steuerberater Werner Pirzer.
Über die Corona-Hilfen hinaus haben steuerliche Erleichterungen wie z.B. Steuerstundungen, die Senkung der Mehrwertsteuersätze und eine Anpassung der Steuervorauszahlung während der Corona-Krise Liquidität in den Unternehmen gelassen – laut Bayerns Finanzministerium waren das über neun Milliarden Euro. Zwar sank die Anzahl der Unternehmensinsolvenzen im IHK-Bezirk 2020 gegenüber dem Vorjahr sogar um 22 Prozent. Die Zahl ist jedoch mit Vorsicht zu genießen, denn stille Geschäftsaufgaben – die gerade inhabergeführte Unternehmen oft tätigen mussten – werden hierbei nicht erfasst. Diese spiegeln sich weder in der Insolvenzstatistik noch in den Daten zu den Insolvenzgeldern für Beschäftigte bei den Arbeitsagenturen wider. Auch die Aussetzung der Insolvenzantragsfrist bis Ende April 2021 könnte eine Rolle für den Rückgang der Insolvenzen gespielt haben.
Werner Pirzer, Vorstand der Pirzer AG Steuerberatungsgesellschaft
© Jenny D Photography
Es ändern sich laufend die Voraussetzungen der Anträge, somit müssen diese immer wieder neu überarbeitet werden.

Werner Pirzer, Pirzer AG Steuerberatungsgesellschaft

IHKs konnten nachbessern

Bei den besonders von den Lockdowns betroffenen Branchen wie Handel, Gastronomie, Kultur oder Tourismus minimierten die Überbrückungshilfen immerhin die Fixkostenbelastung. „Die IHKs waren nicht mit allen Kriterien der Hilfen glücklich. Durch unser Zutun haben wir die fortwährenden Veränderungen der Hilfen jedoch positiv beeinflussen können“, so Klemm. Verbesserungen erzielt werden konnten bei der Einführung von Abschlagszahlungen, der Berücksichtigung des Einzelhandels, einer Anhebung der Fördersätze, der Vereinfachung der Zugangsvoraussetzung durch Senkung des Umsatzverlustes auf 30 Prozent, durch die Erhöhung der ansetzbaren Personalkostenpauschale von zehn auf 20 Prozent, durch Einbeziehung von Gründern oder beim Eigenkapitalzuschuss. Auch bauliche Modernisierungs- und Renovierungsmaßnahmen zur Umsetzung von Hygienekonzepten und Digitalisierungsprojekten konnten von den Unternehmen dabei abgedeckt werden, was die Wiedereröffnung und gegebenenfalls notwendige Anpassungen der Geschäftsmodelle unterstützte.

Wie es weitergeht

Aktuell teilen sich etwa bei Hotellerie und gastronomischen Betrieben die Lager derzeit in drei annähernd gleich große Gruppen. Nicht wenige Betriebe stehen gut da und können sogar investieren, das zweite Drittel kämpft mit den Folgen der Pandemie-Maßnahmen, wird von den Hilfen gestützt und muss jetzt Umsätze generieren. Ein Drittel jedoch – zumeist sind das kleine Betriebe – kämpft massiv ums Überleben. Vor allem der Bar-, Kneipen- und Diskothekenbereich, der immer noch unter Betriebseinschränkungen leidet, ist hiervon besonders betroffen.
Dank der schnellen Erholung im In- und Auslandsgeschäft hatte sich die Industrie im IHK-Bezirk zur Mitte des Jahres 2021 wieder zum regionalen Motor entwickelt. Anders als andere Branchen mussten die meisten Industrieunternehmen während der Lockdowns nicht schließen und konnten – wenn auch oft vermindert – weiter produzieren. Die Industrie kämpft nun eher mit den Folgen der Corona-Pandemie, durch Versorgungsengpässe bei den internationalen Lieferketten und durch den Anstieg der Rohstoffpreise. In der regionalen Industrie sorgen weniger die Corona-Hilfen, sondern vielmehr der erleichterte Zugang zum Kurzarbeitergeld für Entlastung. Denn so konnten die Unternehmen ihre Fachkräfte für einen schnellen Neustart halten. Bayernweit wurden lediglich 4,42 Prozent der Corona-Hilfen an das verarbeitende Gewerbe ausbezahlt.
IHK-Expertin für Unternehmensfinanzierung Daniela Klemm
© IHK
Durch das Zutun der IHKs  haben wir die fortwährenden Veränderungen der Hilfen positiv beeinflussen können.

Daniela Klemm, IHK Regensburg für Oberpfalz / Kelheim

Die Folgen der Corona-Pandemie werden allen Hilfen zum Trotz über die Bundestagswahl hinaus bekämpft werden müssen. Noch immer sind ganze Branchen mit Einschränkungen ihrer Geschäftstätigkeit belegt. Überbrückungshilfe III plus und der Neustarthilfe plus sind nun bis Ende September verlängert worden. Was folgt, das wird vom Kurs der neuen Bundesregierung und von möglichen neuen Infektionswellen abhängen.
Weitere Informationen zur Überbückungshilfe Corona gibt es hier.