Region - Ausgabe 01|02

Regionale Zukunftszentren

Eine hohe Lebens- sowie Arbeitsqualität und ein attraktiver Wirtschaftsstandort sind Eigenschaften, die Kommunen gerne zu den ihren zählen. Doch damit diese von der Soll- auf die Haben-Seite gebucht werden können, braucht es „innovative Konzepte und eine aktive Kommunalentwicklung mit Blick auf zukünftige Trends und Herausforderungen“, betont IHK-Präsident Michael Matt. Jene Ideen und Projekte, die auch im Sinne der ansässigen Gewerbetreibenden stehen, zeichnete die IHK erstmalig mit dem Kommunalentwicklungs-Award aus.

Identifikationskerne schaffen

Innenstädte sind prägend für eine Region. Sie sind entscheidende Identifikationskerne, um sowohl als Wirtschaftsstandort wie auch als Arbeits- und Wohnort attraktiv zu bleiben. „Gute Rahmenbedingungen locken und halten Unternehmen und damit auch deren Fachkräfte. Diese werden zu Bewohnern der Region und steigern wiederum deren Kaufkraft und Wohlstand“, schildert Matt die Synergieeffekte zwischen Wirtschaft und Kommune. Jahrzehnte lang hätten die Kommunen von einem starken und frequenzbringenden Einzelhandel in den Ortskernen profitiert. Doch nicht zuletzt die Coronakrise erhöhte den Druck auf Innenstädte, Ortszentren und die dort ansässigen Unternehmen. Bereits vor der Pandemie nahmen Kundenfrequenzen ab, während die Umsatzanteile des Onlinehandels stiegen. Der Ausbau von Verkaufsflächenschwerpunkten mit innenstadtrelevanten Sortimenten auf der „grünen Wiese“ oder in Gewerbegebieten fordert die in den Zentren ansässigen Gewerbetreibenden zusätzlich heraus. „Es sei höchste Zeit, für ihre Unterstützung zu sorgen und langfristige Strategien für die Zukunft der Innenstadtentwicklung zu entwickeln“, betont IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Jürgen Helmes. Denn ohne ein vielfältiges Angebot aus Einzelhandels- und Dienstleistungsunternehmen sowie Gastronomie und Hotellerie entstehen Leerstände und die Immobilienwerte, das Versorgungsangebot sowie die Aufenthaltsqualität nehmen ab. Doch auch über die Grenzen der Innenstadt hinaus benötigt eine Kommune langfristige Strategien, beispielsweise im Hinblick auf ausreichend Entwicklungsflächen für Wohnraum, Freizeitanlagen und Unternehmen sowie deren Infrastruktur – auf der Straße ebenso wie auf den Datenautobahnen.
Gemeinsam mit einer Jury aus Fachexperten des wirtschaftlichen und öffentlichen Lebens kürte die IHK die vielversprechendsten Konzepte regionaler Kommunen, die genau dort ansetzen. Zur Bewerbung konnten Projekte eingereicht werden, die entweder bereits umgesetzt wurden oder sich noch in der Realisierung befinden.

Leerstände füllen

In der Kategorie der Kommunen mit mehr als 5.000 Einwohnern konnte sich der Markt Langquaid durchsetzen. Bürgermeister Herbert Blascheck wirkt seit fast zwei Jahrzehnten der Leerstandsthematik aufgrund unattraktiver Bausubstanz entgegen. Mithilfe des Städtebauförderprogramms „Soziale Stadt“ konnte ein Projektmanagement ins Leben gerufen werden, das als Anlaufstelle für Bürger dient sowie Leerstands-Management und Stadtmarketing betreibt. Gemeinsam mit den Immobilienbesitzern konnte Langquaid ein umfassendes Revitalisierungsprogramm umsetzen. Zentrale Gebäude im Ortskern wurden saniert und werden inzwischen neu genutzt – für Wohnen, Handel, Hotellerie, Gastronomie und Therapiezentrum. Unternehmen fanden zurück ins Zentrum, gleichzeitig entwickelte das Stadtmarketing die Dachmarke „Lebenswert-Liebenswert-Langquaid“, um eine stärkere Kundenbindung der Bevölkerung für den Standort zu schaffen.
Der Markt Waldthurn überzeugte die Jury mit seiner Agenda „Waldthurn 2020“ in der Kategorie der Kommunen mit weniger als 5.000 Einwohnern. Unter der Leitung von Bürgermeister Josef Beimler und Geschäftsstellenleiter Karl-Heinz Schmidt realisierte die Kommune ein umfangreiches Entwicklungskonzept, um der demografischen Entwicklung im ländlichen Raum und der damit einhergehenden Verödung und Überalterung des Ortskerns entgegenzuwirken. Mithilfe von Fördergeldern wurden leerstehende, denkmalgeschützte Häuser am Marktplatz erworben, saniert und einer neuen Nutzung zugeführt. So zogen ein Dorfladen, eine Physiotherapie mit angeschlossenem Fitnessstudio, Tagespflege mit Gesundheitszentrum sowie Mietwohnungen in die Ortsmitte. Über das Zentrum hinaus wurden weitere standortrelevante Gebäude wie die Grundschule mit angeschlossenem Kindergarten und Kita oder das Schloss Lobkowitz als Pfarr- und Gemeindezentrum saniert bzw. revitalisiert.

Fläche für Kreativität und Kultur

Auch in Amberg wird Raum umgenutzt. Die IHK verlieh Bürgermeister Michael Cerny und Karlheinz Brandelik von der Gewerbebau Amberg für das gemeinsame Projekt „Stadtlabor Amberg“ einen von zwei Sonderpreisen des Kommunalentwicklungs-Awards. Bis zur Sanierung eines leerstehenden Reisebüros in der Fußgängerzone zog dort zur Zwischennutzung das Stadtlabor ein. Auf rund 100 Quadratmetern wurde dort Raum für neue Projekte geschaffen: Die lokale Gründerszene findet dort Platz, Ideen für den lokalen Handel können unkompliziert getestet und neue Nutzungskonzepte für die Zukunft der Innenstadt aufgezeigt werden. Neben digitalen Schaufenstern, Showrooms und Verkaufsbereichen gibt es beispielsweise flexible Arbeitsplätze für Co-Working. Das Stadtlabor Amberg soll die drei Kernwerte der Stadt Amberg Innovation, Kreativität und Geborgenheit erlebbar machen. Dazu nutzt die Wirtschaftsförderung Amberg zusätzlich das große Netzwerk junger Amberger aus der Kultur- und Kreativwirtschaft, das sich rund um den von der Wirtschaftsförderung betriebenen Amberg Blog etabliert hat. Über die digitalen Medien bewirbt es innovative, kreative und nachhaltige Projekte und gibt Einkaufs- sowie Freizeittipps für Bürger und Besucher.
Für die Stadt Cham suchte Bürgermeister Martin Stoiber eine Möglichkeit, unter Beachtung aller Hygiene- und Abstandsregeln der Corona-Pandemie Händlern eine Perspektive und den Bürgern mehr Lebensqualität zu bieten. Unter der Federführung von Kulturreferentin Petra Jakobi startete im Sommer 2020 das ebenfalls mit einem Sonderpreis ausgezeichnete Projekte „Cham blüht auf“ gefolgt von der viermonatige Veranstaltungsreihe „Cham blüht auf 2021 – ein Sommertraum“. Im Stadtkern wurden Schaufenster zu Galerien und zeigten die Kunst regionaler Künstler. Mithilfe von Pflanztürmen, einem Kräuter- und Gemüsehügel, in Schau- und Duftbeeten, Trögen, dekorativen Gefäßen und auf Wägen, verteilt im gesamten Innenstadtgebiet oder dem rathausnahem Märchenwald, wird eine Aufenthaltsqualität geschaffen, die Kunden und Touristen in die Innenstadt locken soll.
„Erfolgreiche Kommunalentwicklung gelingt nur im Zusammenspiel unterschiedlicher Bereiche und Akteure“, resümierte IHK-Präsident Matt mit Blick auf die Konzepte aller Bewerber. Der Award solle nicht nur Kommunen ehren, sondern eine Plattform für den Austausch kreativer Ideen schaffen.

Übersicht der eingereichten Konzepte

  • Stadt Abensberg
    Restart des Handels und der Gastronomie durch verschiedene, dezentrale Events. Aufwertung und Emotionalisierung des Ortskerns durch Beleuchtung der Stadtmauer und verschiedene Kunstinstallationen zur Steigerung der Aufenthaltsqualität und Besucherfrequenz sowie Unterstützung der Kunstszene vor Ort.
  • Stadt Amberg
    Gründung des „Stadtlabor Amberg“ als Raum für neue Konzepte in der Gründerszene, zum Beispiel Pop-up-Showrooms oder Co-Working-Spaces. Beseitigung von Leerstand sowie Einführung eines modernen Stadt- und Standortmarketings. Ansprache von Bürgern, Touristen und der Kreativ- und Kulturszene über einen Blog und die Sozialen Medien.
  • Stadt Berching
    Steigerung der Standortattraktivität für Investoren und Stärkung der Unternehmen vor Ort – insbesondere im Bereich Tourismus – durch Umgestaltung der historischen Innenstadt. Förderung des Wirtschaftsfaktors Tourismus durch den (Aus-)Bau von Unterkünften wie Hotels, Ferienwohnungen, Pensionen ergänzen das Entwicklungskonzept.
  • Stadt Cham
    Wiederbelebung der Innenstadt sowie Steigerung der Aufenthaltsqualität im Zentrum trotz Lockdown mithilfe der Veranstaltungsreihe „Cham blüht auf“, die umfangreiche Bepflanzungen in der Innenstadt, Nachbildung der Gartenschau und Einbindung von Künstlern umfasst.
  • Stadt Dietfurt
    Die durch den vielfältigen bayrisch-chinesischen Kulturaustausch aufgebaute Marke „Bayrisch China“ wird als Alleinstellungsmerkmal zur Vermarktung für Tourismus und Wirtschaft genutzt, um positive Effekte zu erzielen.
  • Markt Langquaid
    Erstellung eines integrierten Handlungskonzeptes zur Revitalisierung des Ortszentrums durch Schaffung von Wohnraum und Ansiedlung von Unternehmen mit Hilfe des Programms „Soziale Stadt“. Flankierend wurde die Dachmarke „Lebenswert-Liebenswert Langquaid“ als kommunaler Identifikationskern entwickelt.
  • Stadt Oberviechtach
    Förderung bzw. Unterstützung der von der Pandemie besonders betroffenen Bürger, Vereine und Betriebe durch verschiedene Initiativen, um das Bewusstsein für das Thema Regionalität zu stärken – z.B. „Kauf Regional“ oder #zamhalten.
  • Markt Regenstauf
    Steigerung der Aufenthaltsqualität und Bindung der Kaufkraft vor Ort durch verschiedene Maßnahmen wie die Erarbeitung eines Parkraumkonzeptes, Einführung eines kommunalen Fassadenprogramms zur baulichen Aufwertung von Privathäusern, Neugestaltung von Plätzen in der Ortsmitte, Sanierung der Ortsdurchfahrt und Einführung eines City-Gutscheins (Oherrn-Taler).
  • Markt Schierling
    Förderung des überörtlichen Freizeit- und Tourismusangebots durch bauliche Maßnahmen im Bereich Bürger- und Geschäftshaus sowie die Neugestaltung des Ortskerns und des Schulhauses. Hinzu kommt die Planung eines Hotels als Tagungsstätte zur Stärkung des Wirtschaftsstandortes.
  • Stadt Velburg
    Während der Pandemie wurde die jährliche Gewerbeschau als Unterstützung digitalisiert.
  • Markt Wernberg-Köblitz
    Ergänzend zur Aufwertung der Ortsmitte durch umfassende Sanierungsmaßnahmen sind wohnwirtschatliche Sanierungen geplant.
  • Markt Waldthurn
    Entgegenwirken des demografischen Wandels und Steigerung der Aufenthaltsqualität durch die Umnutzung von Leerstand mit Schwerpunkt Wohnen, Gesundheit/Pflege und Verwaltung sowie die Sicherung der Grundversorgung im Sinne der Ärztlichen Versorgung, Nahversorgung, Breitbandausbau im Rahmen der Agenda „Waldthurn 2020“.
  • Gemeinde Wiesent
    Umnutzung von Leerstand zu einem Co-Working-Space, um Unternehmen und Arbeitnehmern vor Ort ein attraktive Arbeitsplatzalternative zu schaffen.
  • Wörth an der Donau
    Erarbeitung eines verkehrsplanerischen und städtebaulichen Entwicklungskonzepts zur besseren Erreichbarkeit des Ortszentrums und Verbesserung der Aufenthaltsqualität.

Jurymitglieder

  • Michael Matt, Optik Matt GmbH & Co. KG
  • Prof. Dr. Kristof Dascher, Universität Regensburg
  • Dipl.-Ing. Jan Vorholt, CIMA Beratung + Management GmbH
  • Markus Frauendorfer, Georg Frauendorfer GmbH & Co. KG
  • Stephanie Jechnerer, Bekleidungshaus Frühauf GmbH
  • Kathrin Fuchshuber, Münchner Hof Karin Helmberger OHG
  • Prof. Dr. Georg Barfuß, Stadt Regensburg
  • Dr. Christian Eckl, Mittelbayerischer Verlag KG