Region - Ausgabe 09|10

Leerstandsflächen auf Zeit

Neben der Neuausweisung und -erschließung von Gewerbegebieten bieten innovative Ansätze bei bestehenden Flächen mit Fokus auf Innenentwicklung, Nachhaltigkeit oder Vernetzung Chancen für die Wirtschaft. In einer dreiteiligen Serie zeigt „Wirtschaft konkret“ innovative und ökologische Konzepte für Flächenentwicklung, die Betriebe und Kommunen gemeinsam vorantreiben.
Gleich und gleich gesellt sich gerne – dass dies auch für Leerstände gilt, erleben Ortzentren immer häufiger.
„Ein leerstehendes Gebäude mindert auch immer die Attraktivität der umliegenden Gewerbeflächen“, weiß IHK-Expertin Sibylle Aumer. Dort, wo im Stadtbild eine Lücke klafft, kommt oftmals eine weitere hinzu. Die Aufenthaltsqualität geht zurück, Frequenzanker verschwinden und mit ihnen Passanten, die zu Kunden werden können. Verändertes Konsumentenverhalten und neue digitale Vertriebswege treiben immer mehr Geschäfte aus der Innenstadt. Im schlimmsten Fall hinterlassen sie ein ungenutztes Ladenlokal. „Genau deshalb ist es wichtig, Leerstände aktiv neu zu befüllen“, betont Aumer.
Doch um Leerstände zu beleben, muss erst klar sein, wo es sie gibt. Der Landkreis Cham arbeitet dafür seit 2019 mit einem digitalen Tool für Leerstandsmanagement. „Es erfasst Leerstände, vermeintliche Leerstände, mögliche Leerstände in der Zukunft, Baulücken, die sofort bebaubar wären und qualitative sowie quantitative Indikatoren zur Wertigkeit der Flächen und Häuser“, erklärt Prof. Dr. Markus Lemberger, Regionalmanager des Landkreises. Dabei setzt die Anwendung auf den vorhandenen Dateninfrastrukturen des landkreisweiten Geoinformationssystems auf und stellt die Informationen für die 39 Kommunen des Landkreises bereit. „Gerade ländliche Räume haben trotz vermeintlicher Fläche auch Effizienz und Nachhaltigkeit beim Umgang mit dieser knappen Ressource zu beachten. Die Leerstände und Baulücken bergen beachtliche Potenziale“, so Lemberger. Das klassische Neubaugebiet oder die Neuausweisung von Gewerbeflächen müsse auch mit Blick auf das Flächensparen nicht immer die beste Lösung sein. Hinsichtlich der Neubelebung von leerstehenden Gewerbeflächen bewertet er das Tool vor allem für eine strategische Planung und eine aggregierte Betrachtung über den Landkreis hinweg als nützlich.

Testfläche für Gründer

Vor drei Jahren füllte Christian Eisner, Geschäftsführer „aktives Neumarkt“ e. V., mit einem Pop-up-Store-Konzept Leerstände in der Neumarkter Innenstadt. Im Frühjahr 2018 und 2019 organisierte
der Stadtmarketingverein für jeweils drei Monate eine Reihe von Pop-up-Stores an verschiedenen Standorten. „Das haucht den ungenutzten Gewerbeflächen zumindest vorübergehend wieder Leben ein“, erklärt Eisner die Intention, „ein zweiter Vorteil ist, für Grün-
derinnen und Gründern eine Möglichkeit zu schaffen, ihre Geschäftsidee zunächst auf Zeit auszuprobieren, bevor sie einen Laden längerfristig anmieten“, sagt Eisner.
Außenansicht des Stadtlabors Amberg
Im Juli eröffnete das Amberger Stadtlabor in der Innenstadt. © Gewerbebau Amberg
Auch in Amberg wird Raum umgenutzt, um Gründern eine Test- und Präsentationsfläche zu bieten. Am 15. Juli eröffnete das Amberger Stadtlabor in der Fußgängerzone. Das bis zu seiner Sanierung leerstehende Gebäude gibt es online.maligen Reisebüros in der Bahnhofstraße bietet die notwendigen Räumlichkeiten. Mit einem Blog bewirbt die Wirtschaftsförderung bereits seit einem Jahr innovative, kreative und nachhaltige Projekte in digitalen Medien. „Mit dem Stadtlabor Amberg sollen sie unter einem Dach versammelt und auch offline sichtbar gemacht werden“, erklärt Verena Fitzgerald von der Wirtschaftsförderung Gewerbebau Amberg. Neben digitalen Schaufenstern, Showrooms und Verkaufsbereichen werde es flexible Arbeitsplätze für Co-Working, E-Commerce-Schulungen für lokale Unternehmen und eine Ausstellung zu aktuellen Bauprojekten für die Zukunft Ambergs geben. „Erste Gründerinnen und Gründer wie auch Onlineshops aus der Region haben großes Interesse signalisiert“, berichtet Fitzgerald. Beispielsweise richte sich ein Gründer bereits mit einem Tonstudio für ein Amberger Onlineradio ein. „Die Corona-Krise zeigte deutlich, dass wir neue Wege für die Zukunft unserer Stadt und unseren lokalen Handel finden müssen“, betont Fitzgerald. Die Wirtschaftsförderung organisiert das Konzept und die Umsetzung in Abstimmung mit der Stadt Amberg. Als „Digitale Einkaufsstadt 2021“ fördert das Wirtschaftsministerium die Hälfte der geplanten Investitionskosten in Höhe von vorläufig 120.000 Euro. Den verbleibenden Rest trägt die Wirtschaftsförderungsgesellschaft für das Stadtlabor und weitere innovative Projekte für 2021 und 2022. Vorerst ist eine Zwischennutzung bis zum Herbst 2021 geplant, aber eine Verlängerung wird bereits diskutiert. Geplant sind weitere Kooperationen mit der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden, dem Amberger Stadtmarketing, der IHK-Geschäftsstelle Amberg und weiteren lokalen Akteuren.

Aufwand lohnt sich

Christian Eisner, Geschäftsführer „aktives Neumarkt“ e. V., in einem Neumarkter Pop-up-Store
Vor drei Jahren startete Christian Eisner, Geschäftsführer „aktives Neumarkt“ e. V., mit einem Pop-up-Store-Konzept, um Leerstände in der Neumarkter Innenstadt wiederzubeleben. © „aktives Neumarkt“ e. V.
Für Eisner steht fest: „Alle Beteiligten können Nutzen aus Zwischennutzungs-Konzepten Vorteile ziehen.“ Der Vermieter der leerstehenden Gewerbefläche erhält eine kleine Miete, Mietern können sich präsentieren, für die Besucher der Innenstadt wird ein ergänzendes, teils innovatives Sortiment oder Angebot geschaffen. „Am Ende profitiert der Standort von erhöhter Besucherfrequenz und Aufmerksamkeit.“
Auch wenn das Konzept der Läden auf Zeit schon lange bekannt und teilweise etabliert ist, sei der organisatorische Aufwand solcher Projekte hoch, gibt Eisner zu bedenken. Von der Kontaktaufnahme mit den Immobilienbesitzern bis zum Einzug potenzieller Nutzer und der Eröffnung des Ladens gebe es viele zu klärende Schritte. Dennoch lohne es sich, betont er die positiven und nachhaltigen Effekte auf die Innenstadt: „Nahezu jedes Objekt, in dem wir mit einem Pop-up-Store waren, ist derzeit in Nutzung. Einzelne Anbieter konnten wichtige Erfahrungen sammeln und für manche war es sogar der Impuls, ihr Geschäftsmodell dauerhaft weiterzuentwickeln und um einen stationären Laden zu erweitern.“
Zukunft der Zentren
Das IHK-Aktionsprogramm „Zukunft der Innenstadt und Ortszentren“ setzt sich als übergeordnetes Ziel, Impulse für einen Transformationsprozess zu geben, aus dem Innenstädte und Ortszentren als attraktive Standorte für Unternehmen, Bewohner, Arbeitnehmer und Besucher hervorgehen. Das Aktionsprogramm sowie weitere Informationen rund um das Thema Stadtentwicklung gibt es hier.