Bayern-Čechy - Ausgabe 09|10

Neue Technologien als Zukunftsperspektive

Wie Zukunftsperspektiven auch während einer Pandemie den Blick nach vorne weiten, zeigen Beispiele aus Westböhmen, die auf neue Technologien und Digitalisierung setzen. Vergangenes Jahr etwa startete die Stadt Pilsen das Projekt Tech Tower. Auf einer innerstädtischen Industriebrache entsteht ein Wissenschafts- und Innovationspark, der Unternehmen und Start-ups innovationsfördernde Strukturen bietet.

Roboter im Schwimmbecken

Die Pandemie ist kein Hindernis, Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Das zeigen zwei Beispiele aus Westböhmen, die auf neue Technologien und Digitalisierung setzen. Mitten in der ersten Welle der Pandemie gab die Stadt Pilsen den Startschuss für ein 20-Millionen-Euro-Projekt: Tech Tower, die größte Investition des Jahres 2020. Mit Tech Tower entsteht ein Wissenschafts- und Innovationspark, der aufstrebende Unternehmen und Start-ups auf dem Weg in die Zukunft begleiten will. Kernstück ist ein Versuchsareal, auf dem Roboter buchstäblich baden gehen sollen. Die EU steuert zu den Gesamtkosten rund 7,2 Millionen Euro an Förderung bei. Für die Realisierung nutzt Pilsen ein Gelände, das schon einmal für eine Sonderrolle vorgesehen war. Die Industriebrache der ehemaligen Brauerei Světovar im Stadtteil Slovany sollte zum Veranstaltungszentrum des Kulturhauptstadtjahres 2015 umgestaltet werden. Das Vorhaben scheiterte damals an Schadstoffbelastungen.
Světovar wurde Ende des Ersten Weltkriegs als Konkurrenz zu Pilsener Urquell errichtet und galt als modernste Brauerei Österreich-Ungarns. Die Lagerkeller bestehen aus einem hochwertigen Stahlbetonskelett mit gewölbten Schalen und Ziegelauskleidungen. Bauelemente, die von den Architekten Tereza Vojtěšková und Milan Varvařovský nun geschickt in das künftige Hauptgebäude von Tech Tower integriert werden. Seinen Namen hat der Innovationspark von dem 32 Meter hohen Wasserturm erhalten, der auf dem Gelände stehen bleiben soll.
In einem zehn Meter tiefen Bassins des Innovationsparks Tech Tower sollen Unterwasser-Roboter getestet werden.
In einem zehn Meter tiefen Bassins des Innovationsparks Tech Tower sollen Unterwasser-Roboter getestet werden. © Visualisierung: Stadt Pilsen
Neuer und ungewöhnlicher Bestandteil ist ein zehn Meter tiefes Bassin. Schwimmen wird hier allerdings kein Mensch. Im Becken sollen vielmehr Unterwasser-Roboter getestet werden. Die Versuche wird die Verwaltung für Informationstechnologie (SIT) der Stadt Pilsen leiten, die auch in die ehemalige Verwalter-Villa auf dem Gelände einziehen wird. „Wir möchten außerdem ein weiteres Gebäude für Erd-, Boden- und Lufttests von Robotern nutzen“, erläutert Direktor Luděk Šantora. Ermöglicht werden diese Pläne durch ein amerikanisches Institut, das bereitwillig sein Know-how zur Verfügung gestellt hat. Der Umgang mit Robotern ist allerdings für die SIT nichts Ungewohntes. In Pilsen hat sie bereits das Robotik-Centrum gegründet, das sich auf technische außerschulische Bildung von Kindern konzentriert.
Während man in der westböhmischen Metropole auf neue Technologien setzt, wird in der Karlsbader Region die Digitalisierung der Autozuliefer-Industrie vorangetrieben. Ausgerechnet zu Beginn der Pandemie hat dort Witte Automotive den Zuschlag für den bedeutendsten Auftrag in der Firmengeschichte gewonnen: die Produktion von versenkbaren äußeren Türgriffen für die neue Generation der Mercedes S- und E-Klassen. Die Gesellschaft, Spezialist für Schließsysteme in der Automobilindustrie, ist eine Tochter der deutschen Witte-Gruppe aus Velbert in Nordrhein-Westfalen. In Nejdek und Ostrov bei Karlsbad beschäftigt sie rund 2.400 Mitarbeiter. Der Auftrag von Mercedes beschert ihr ein Plus von 8,8 Millionen dieser speziellen Türgriffe.
Die beiden Betriebe in der Karlsbader Region sind mehrfach preisgekrönt: Nejdek beispielsweise 2019 als Autozulieferer des Jahres der Tschechischen Republik. Doch bei Witte Automotive will man sich auf solchen Lorbeeren nicht ausruhen, sich vielmehr auch in Krisenzeiten weiterentwickeln und investieren. Anfang 2021 hat deshalb der tschechische Unternehmensverbund Zuwachs bekommen.  Zu ihm gehört nun das Prager Institut für mikroelektronische Applikationen (IMA), mit dem bereits seit 2017 eine Kooperation besteht. Als „wichtigen Meilenstein auf dem Weg in die digitale Zukunft“ wertet man die Übernahme beim Automobilzulieferer. IMA zählt in Tschechien zu den führenden Herstellern von Identifikationssystemen. Die Vereinigung des Know-hows soll sich besonders im Bereich Steuerung und Sensoren bezahlt machen. Konkrete Vorstellungen zur Entwicklung innovativer Systeme, die beispielsweise auf Gestik reagieren, gibt es bereits.  „Unser Produkt eignet sich zur Steuerung von automatischen Seitentüren, Hecktüren und Motorhauben mit einer einzigen Einheit, die mehrere Operationen bewältigen kann“, erläutert Firmensprecherin Michaela Matuchová. „Wir versuchen, ein System anzubieten, das für jeden Kunden verwendet oder modifiziert werden kann.“ 
Genügt also ein Wink vor der Fahrt zur Arbeit und wie von Geisterhand öffnen sich Autotür und Kofferraum? Details will die Firmensprecherin noch nicht verraten. Doch sei das System inzwischen so ausgereift, dass die Vorbereitungen zur Präsentation bei Kunden angelaufen seien. Voraussichtlich wird es im Herbst soweit sein. In Pilsen wiederum hat Tech Tower inzwischen das erste Baujahr hinter sich. Die Arbeiten laufen im Plan, auch wenn sie um knapp drei Millionen Euro teurer werden als vorgesehen. Im letzten Quartal 2022 soll der Innovationspark an den Start gehen. Ludeǩ Šantora ist fest überzeugt, dass er der Region Zukunftsperspektiven bietet: „Dank Tech Tower wird eine Community junger Menschen entstehen, aus der Top-Experten für regionale Unternehmen oder Gründer von Start-up-Unternehmen generiert werden, die einzigartige Lösungen, Investment- und Jobchancen bringen.“
Aus einem alten Brauereigebäude soll in Pilsen ein Tech Tower entstehen mit Büros, Konferenz- und Co-Working-Flächen. Infos, Visualisierungen und Baupläne unter www.techtower.cz
- von Beate Franck

Neuauflage der „Pilsner Runde“

Der grenzüberschreitende Wirtschaftsraum lebt von gegenseitiger Vernetzung. Das Regionalbüro Pilsen der Regensburger IHK und die AHK Tschechien laden deshalb ab Herbst wichtige Akteure im deutsch-tschechischen Miteinander aus Politik und Wirtschaft zur Neuauflage der sogenannten „Pilsner Runde“. Das Format ist eine wichtige Plattform für die Politikansprache beider Länder. „Gerade vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie wurde klar, dass der bayerisch-tschechische Nachbarschaftsdialog weiter fortgeführt werden muss, damit Grenzen offen und Handel hürdenlos möglich bleiben“, so IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Jürgen Helmes. Die Dialogplattform für den bayerisch-tschechischen Grenzraum tagt am 12. Oktober.

Pendler bauen Brücken

Das Centrum Bavaria Bohemia in Schönsee hat zum vierzehnten Mal den Preis „Brückenbauer - stavitel mostů“ verliehen, mit dem besonderes, grenzüberschreitendes Engagement gewürdigt wird. Die Ehrungen wurden diesen Sommer pandemiebedingt für die Jahre 2020 und 2021 vergeben. Für 2020 erhielten ein Ehrenpreisträger, drei Persönlichkeiten aus Deutschland und Tschechien sowie eine Schulpartnerschaft die Auszeichnung. Für das Jahr 2021 wurde nur ein einziger Sonderpreis verliehen – dieser dafür an eine sehr große Personengruppe: Die Grenzpendler, die täglich ihr Leben zwischen Deutschland und Tschechien aufteilen und gerade in der Corona-Pandemie großen Belastungen ausgesetzt waren, wurden von IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Jürgen Helmes in seiner Ansprache als „Brückenbauer des Alltags“ gewürdigt. Helmes brachte seine Anerkennung für die große Loyalität zum Ausdruck, die die Grenzpendler in schwierigen Zeiten gegenüber ihren Arbeitgebern, Kollegen, Kunden oder Patienten an den Tag legten.

Ausgezeichnete Zusammenarbeit

IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Jürgen Helmes und Geschäftsstellenleiter Richard Brunner dankten Botschafter Dr. Christoph Israng
IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Jürgen Helmes (r.) und IHK-Geschäftsstellenleiter Cham Richard Brunner (l.) dankten Botschafter Dr. Christoph Israng für dessen Engagement. © IHK
Die Corona-Pandemie war ein Stresstest für das grenzüberschreitende Politikgeschehen. Für seinen Blick auf möglichst offenen Wirtschaftsverkehr zwischen Deutschland und Tschechien dankte die IHK dem scheidenden Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Tschechien, Dr. Christoph Israng, bei dessen letzten Amtsbesuch in Regensburg. „Die Deutsche Botschaft in Prag hatte trotz aller pandemieerforderlichen Maßnahmen beim Grenzverkehr immer die Menschen im Blick, die Großteils täglich aus Tschechien nach Bayern zum Arbeiten fahren und sie hatte ein offenes Ohr für die Belange der bayerischen Unternehmen mit Handelsbeziehungen und Niederlassungen im Nachbarland“, würdigte IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Jürgen Helmes das Engagement des scheidenden Diplomaten.
IHK vor Ort in Pilsen
Bei allen Fragen zu wirtschaftlichen Themen im Nachbarland hilft das gemeinsame Regionalbüro Pilsen der IHK Regenburg für Oberpfalz / Kelheim und der Deutsch-Tschechischen IHK gerne weiter.