Bayern-Čechy - Ausgabe 07|08

Tschechiens Wirtschaft wittert wieder Morgenluft

Der Wirtschaftsraum Ostbayern – Westböhmen ist eine europäische Erfolgsgeschichte. Viele ostbayerische Unternehmen sind mit starken Standorten auf der tschechischen Seite wichtige Arbeitgeber. Rund 13.500 Menschen aus Tschechien pendeln täglich über die Grenze in die Oberpfalz. Eine besondere Rolle spielen Kunden aus Tschechien für Ostbayerns Einzelhandel.  In der Rubrik Bayern-Čechy berichtet die IHK, was die Wirtschaft zwischen München und Prag bewegt. 

Nearshoring in Tschechien

Internationale Lieferketten werden fragiler. Tschechien kann deshalb laut Konjunkturumfrage der Deutsch-Tschechischen IHK (DTIHK) in Prag bei ihren Mitgliedern vom Trend zu mehr Nearshoring innerhalb Europas profitieren. Wichtig sei jedoch, dass sich die Verwaltung im Land digitalisiert. „Nearshoring ist eine Chance, die Tschechien jetzt aktiv ergreifen sollte, um sich mit seiner Industriekompetenz und einer zügigen Digitalisierung und Robotisierung die Pole-Position für Investitionen in Mittel-Osteuropa zurückzuholen“, so der geschäftsführende DTIHK-Vorstand Bernard Bauer. Während Tschechiens analoge öffentliche Verwaltung von den deutschen Investoren immer schlechter bewertet wird, sind etwa in Estlands Verwaltung über 3.000 digitale öffentliche Dienste verfügbar. Das beeindrucke Investoren und erleichtere den Weg ins Land.
Die Unternehmen in Tschechien bewerten die Wirtschaftsaussichten für das laufende Jahr nun wieder wesentlich besser, nachdem der Teil-Lockdown überwunden ist. Knapp 40 Prozent sehen für die Wirtschaft ein Licht am Ende des Tunnels, fast jedes zweite Unternehmen (47 Prozent) rechnet mit besseren Aussichten für das eigene Geschäft. Diesen Positivtrend bestätigen weitere Indikatoren. 55 Prozent der Investoren rechnen mit einer Steigerung ihres Gesamtumsatzes. „Mit diesen Zahlen bewegen wir uns im Ganzen wieder auf Vorkrisenniveau“, sagt Bauer.
Blickt man in die Branchen, spiegelt sich die pandemiebedingte Spaltung der Wirtschaft wider. Wenn jedes fünfte Unternehmen die aktuelle Wirtschaftslage als „gut“ bewertet, dann sind zwei Drittel davon aus dem verarbeitenden Gewerbe und nur 15 Prozent aus dem Dienstleistungsbereich. Dabei handelt es sich in erster Linie um unternehmensnahe Dienstleistungen. Das zeigt sich auch bei den geplanten Lohnkostenerhöhungen. Im verarbeitenden Gewerbe rechnen deutlich mehr Unternehmen (60 Prozent) mit einer Steigerung, bei Dienstleistern sind es immerhin noch 38 Prozent. Insgesamt sieht die DTIHK nach der steilen Entwicklung der Jahre 2018 und 2019 der Druck bei den Lohnkosten durch die Pandemie erst einmal rausgenommen. Die überwältigende Mehrheit der Unternehmen (87 Prozent) rechnet mit keinen, geringen oder moderaten Lohnerhöhungen. „Das ist aber nur eine Atempause. Die Lohnspirale dürfte sich schon bald wieder nach oben schrauben“, schätzt DTIHK-Vorstand Bauer. Weiterhin drücke der Fachkräftemangel auf den Schuh in den Personalabteilungen zwischen Pilsen und Ostrava. Dennoch bezeichnet die DTIHK die Chancen für Investoren aus Deutschland als hervorragend, weil Tschechien mit Know-how und Hightech zur Spitze Europas gehöre und die Personalkosten im Vergleich mit Deutschland weiterhin moderat blieben.

Wie sich nachhaltige Innovationen lohnen

Auf dem Bayerisch-Tschechischen Innovationstag am 16. September bei der Horsch Maschinen GmbH in Schwandorf diskutieren Entscheider aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zu Zukunftsthemen für den gemeinsamen grenzüberschreitenden Wirtschaftsraum.
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2021 stehen nachhaltige Innovationen auf der Agenda. In Ihnen sehen die IHK und das Beratungsbüro Oberpfalz als Veranstalter enorme Chancen für die Wirtschaft im Bayerisch-Tschechischen Grenzraum. Der jährlich stattfindende Innovationstag nahm im April bereits eine virtuelle Vorrunde – jetzt im Herbst sollen die Teilnehmer vor Ort miteinander diskutieren und innovative Projekte von Unternehmen beiderseits der Grenze kennenlernen. Der Innovationstag wird ins Deutsche und ins Tschechische simultan gedolmetscht.
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Zwölf Punkte für die Nachbarn

Die Corona-Pandemie stellt die guten nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen Tschechien und Bayern auf eine harte Probe. Temporäre Einschränkungen beim Grenzverkehr schwächten vor allem die zwischenmenschlichen Kontakte. Die enge wirtschaftliche Verflechtung hat sich aus Sicht von Ostbayerns Wirtschaft zwar als krisenfest erwiesen, jedoch geriet auch sie enorm unter Druck, allein bei den Einschränkungen für die über 13.000 Berufspendler, die täglich aus dem Nachbarland in die Oberpfalz zum Arbeiten fahren. Mit einem Zwölf-Punkte-Plan haben MdEP Christian Doleschal und MdL Dr. Gerhard Hopp nun ihre Vorstellungen für einen Neustart der bayerisch-tschechischen Beziehungen konkretisiert. Im Rahmen einer virtuellen Diskussion mit den beiden Mandatsträgern begrüßte der IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Jürgen Helmes die Initiative. „Die wirtschaftlichen Verflechtungen im Grenzraum sind enorm, die Lieferketten aus Tschechien sind Lebensadern für die bayerische Wirtschaft“, sagte Helmes.
Die Tschechische Republik zählt seit Jahren zu den Top 10 der Wirtschaftspartner Deutschlands, über 30 Prozent seines Exports wickelt das Land mit deutschen Partnern ab. Mit rund 150 Niederlassungen sind Unternehmen aus der Oberpfalz und dem Landkreis Kelheim in der Nachbarregion Pilsen aktiv. „Die Corona-Pandemie und die zweimalige Grenzschließung haben die Wirtschaft erheblich beeinträchtigt und zu Verunsicherungen geführt. Über unser Regionalbüro in Pilsen konnten wir unsere Unternehmen mit aktuellen Informationen versorgen und sie gut durch die Krise lotsen“, so Helmes. Der Zwölf-Punkte-Plan sei ein wichtiger Impuls für die politische Agenda in den Beziehungen zu den tschechischen Nachbarn. „Der bayerisch-tschechische Grenzraum braucht jetzt einen nachhaltigen Politikansatz von Seiten des Freistaats“, stellte Helmes fest.

Auto-Logistiker suchen die Balance

Stabilität und Nachhaltigkeit in allen unternehmerischen Aktivitäten sind wertvoller denn je und die Digitalisierung spielt dabei eine zentrale Rolle. Wie flexibel soll ein Firmenstandard sein? Wie werden Maschinen den Menschen bei der Arbeit helfen? Auf dem Weg zur Digitalisierung müssen zahlreiche Entscheidungen getroffen werden. Welche Weichen gestellt werden müssen, das wollen Experten und Unternehmensvertreter bei der Konferenz Trends in Automotive Logistics TAL 2021 am 21. September in Pilsen diskutieren. Dabei setzen die Veranstalter die richtige Balance digitaler Projekte zum Ziel, denn so entstünden höhere Profitabilität und Produktivität. Die Konferenz wird simultan ins Deutsche gedolmetscht, Unternehmensbesucher ergänzen das Programm.

Bayern und Tschechien wollen investieren

Der tschechische Premier Andrej Babis und die bayerische Staatsministerin für Europa Melanie Huml lobten auf der Mitgliederversammlung der DTIHK die Bedeutung der bayerisch-tschechischen Wirtschaft für die Beziehungen beider Länder. Huml sagte, man müsse sich „im Herzen Europas gemeinsam dem globalen Wettbewerb stellen“. Babiš und Huml hoben die Investitionen in neue Technologien hervor, gemeinsame Projekte wie der „5G-Korridor München – Prag“ seien dabei zukunftsweisend.  Zum neuen Präsidenten der DTIHK wurde Milan Slachta gewählt, er ist Repräsentant der Bosch Group Czech Republic & Slovakia.

IHK vor Ort in Pilsen
Bei allen Fragen zu wirtschaftlichen Themen im Nachbarland hilft das gemeinsame Regionalbüro Pilsen der IHK Regenburg für Oberpfalz / Kelheim und der Deutsch-Tschechischen IHK gerne weiter.