Industriestandort Ostbayern - Westböhmen

Die Nachbarn lernen voneinander

07.03.2017
Zum vierten Mal seit 2009 gibt die IHK Regensburg für Oberpfalz / Kelheim eine grenzüberschreitende Industriestandortkarte heraus. Sie bietet einen Überblick über die Beschäftigtenzahlen und den Umsatz in den verschiedenen Branchen der Industrie in den Nachbarregionen Oberpfalz / Kelheim und Pilsen. Die Statistik erfasst dabei Industriebetriebe mit mehr als 20 Mitarbeitern. Die Karte und interaktive Grafiken dazu gibt es unter "Der grenzüberschreitende Industriestandort"
Der Wirtschaftsraum Ostbayern – Westböhmen wächst zusammen. Über 400 Unternehmen aus der Oberpfalz und dem Landkreis Kelheim pflegen Geschäftsbeziehungen zum Nachbarland. Davon unterhalten 140 sogar eigene Niederlassungen oder Firmenbeteiligungen in Tschechien. Noch gehen tschechische Unternehmen selten über die Grenze. Dafür wird der Arbeitsmarkt in den Industrieunternehmen Ostbayerns für tschechische Fachkräfte immer attraktiver.

Mehr Beschäftigte, weniger Bewerber

Die Industrie beschäftigt in der Oberpfalz und dem Landkreis Kelheim insgesamt 144.300 Mitarbeiter und in der Region Pilsen 225.000. Zwischen 2010 und 2015 stieg der Anteil an Mitarbeitern in der Oberpfalz und dem Landkreis Kelheim um 12,3 Prozent, in der Region Pilsen um 9,7 Prozent. Im westböhmischen Kreis Tachov stieg die Beschäftigtenzahl am meisten (+28,0 Prozent), die andere Seite führt Tachovs Nachbarlandkreis Tirschenreuth (+10,6 Prozent) an. Beide Landkreise sind ländlich geprägt. Die Ansiedelung neuer Betriebe und die Ausweitung der Kapazitäten wirken wie ein Konjunkturprogramm.
Die Kehrseite der Medaille: Die Firmen finden immer weniger qualifizierte Fachkräfte. „Den Fachkräftemangel spüren wir sehr stark“, sagt HR-Managerin Katerina Kalynych von BHS Corrugated in Tachov. Das tschechische Werk des mittelständischen Unternehmens aus Weiherhammer in der Oberpfalz fertigt seit über 20 Jahren Maschinen und Teile für die Wellpappen-Produktion. Laut Kalynych ist der Arbeitsmarkt im Kreis Tachov leergefegt, nicht nur wegen des Beschäftigungszuwachses: „Wir sind sehr grenznah, viele Erwerbstätige aus diesem Kreis arbeiten in Bayern“, sagt die tschechische HR-Managerin.

Mehr High-Tech, weniger Werkbank

Beide Regionen wachsen gegenwärtig um ca. 4,0 Prozent im Jahr. Die BIP-Summe bleibt dabei ungleich – 2014 erwirtschafteten die Industrie in der Oberpfalz und der Landkreis Kelheim 43,6 Milliarden Euro, die in der Region Pilsen nur 8,1 Milliarden Euro. Ist die Nachbarregion weniger produktiv? „Tschechien holt auf, was die Innovationskraft seiner Industrie anbelangt“, beobachtet Standortexpertin Sibylle Aumer von der IHK Regensburg für Oberpfalz / Kelheim. Erstmals verortet die Karte der IHK die unternehmensnahen Forschungseinrichtungen in den Nachbarregionen. Während die auf der ostbayerischen Seite über alle Landkreise und Städte hinweg in großer Zahl flächendeckend vertreten sind, konzentriert sich das wirtschaftsorientierte Forschungsgeschehen in hoher Dichte auf die  Metropole Pilsen. Um den grenzüberschreitenden Industrieraum auch für die Zukunft innovativ aufzustellen sei es wichtig, dass die Technologietransferstellen grenzübergreifend zusammenarbeiten.
Der deutsche Alfmeier-Konzern profitiert vom Know-how, das sein Standort in Pilsen aufgebaut hat: „Wir haben in den letzten Jahren viel in die Digitalisierung investiert. Unser System für die Steuerung der internen Logistik wurde auch von unseren deutschen Kollegen übernommen“, zeigt sich Lean-Manager Ota Koukolik stolz. Für Geschäftsführer Jaromir Habart von Ensinger in Dobřany bleiben die deutschen Werke der Ensinger-Gruppe Benchmark für Technologie, Organisation und Produktivität. „Wir lassen uns immer inspirieren und sind im engen Kontakt mit unseren deutschen Kollegen.“