20.06.2013
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Wenn tschechische Kunden heute in Ostbayern einkaufen, dann bewegen sie dazu nicht nur Ereignisse wie die böhmische Eierkrise im Frühjahr. Der ein oder andere Einzelhändler freut sich heute über Stammkundschaft, die bis aus Prag anreist.
Im Frühjahr herrschte in Tschechien ein nationaler Eiernotstand. Der Grund für die Knappheit am Ei war ein EU-weites Verbot für den Verkauf von Großkäfig- Ware. Es gilt seit Jahresbeginn und Tschechiens Produzenten hatten es schlicht verschlafen. Die Konsumenten reagierten auf die Eierkrise mit Hamsterkäufen in grenznahen deutschen Supermärkten. Wo die liegen, ist bestens bekannt, denn der Einkauf in Deutschland gehört für viele Tschechen heute zum Alltag. Eine aktuelle Umfrage der GE Money Bank im letzten Jahr ergab, dass 30 Prozent der Tschechen regelmäßig im Ausland einkaufen. Im grenznahen Raum liegt die Quote noch höher.
Einkaufen bei den Nachbarn hat Konjunktur. So diskutieren in Internetforen junge Mütter rege, wo sie in Bayern günstig an Babysachen kommen. Tschechiens Medien machen regelmäßige Preis-Checks. Die Verbrauchersendung „Summa Sumarum“ etwa wagte bei der gleichen Discounterkette in Tschechien und in Deutschland einen Testkauf. Das Resümee: In Tschechien war der gleiche Einkaufswagen zehn Prozent teurer als auf deutscher Seite. „Die halbfette Milch kostete im deutschen Supermarkt die Hälfte, die Gelée- Bonbons waren frisch und nicht hart wie im tschechischen Laden“, hieß es. Neben den Preisen punktet Deutschland oft auch mit höherer Qualität. Woran das liegt? „In Tschechien herrscht weniger Konkurrenz“, so der Prager Volkswirt Marek Mičuch, in der anschließenden TV-Debatte. Stellt man die Frage ostbayerischen Einzelhändlern, bekommt man ähnliche Einschätzungen. Tschechien sei als vergleichsweise kleiner Markt einem geringeren Preisdruck als Deutschland ausgesetzt.
Feiertags wird geshoppt
„Bekleidung und Schuhe sind oft um 15 bis 25 Prozent billiger“, rechnet die Regensburger Studentin Do Thu Trang vor. Die aus Vietnam stammende Tschechin überprüfte für die Werbeagentur Faust in Regensburg eine Studie der IHK aus dem Jahr 2009 auf ihre Aktualität hin. Die Studie hatte Handlungsempfehlungen für den Umgang mit tschechischen Kunden gegeben. Die meisten Tipps haben nach wie vor Bestand. Zum Beispiel sollten ostbayerische Einzelhändler bewusst an tschechischen Feiertagen werben. Im Juli geben sich gleich zwei davon die Klinke in die Hand. Am Fünften des Monats gedenkt man der Slavenapostel Kyrill und Method, tags darauf ist Jan-Hus-Tag. Viele Tschechen nutzen das für einen ausgedehnten Shoppingurlaub in Bayern. „Ich erwarte dann wieder Freunde aus der Heimat. Sie kommen, um vor allem Markenware zu kaufen“, sagt Ilona Hochstätter, eine Tschechin, die seit zehn Jahren in Regensburg lebt. In einer Broschüre der Werbegemeinschaft Regensburg gibt sie als Testimonial den Kunden aus Böhmen Tipps. Das Infoheft für den Shoppingtrip ins Welterbe geht per Postwurf an Pilsener Haushalte. „Je weiter man von der Grenze weg ist, umso wichtiger ist es, den tschechischen Kunden Kopplungseffekte zu bieten“, weiß Ralf Kammermeier, Geschäftsführer von Galeria Kaufhof und Vorsitzender der Werbegemeinschaft. Einkaufen vor historischer Kulisse sei für Tschechen etwas Besonderes, da ihr Einzelhandel meist auf der grünen Wiese liege. Testimonial Hochstätter geht übrigens auch im richtigen Leben nach dem Stadtbummel mit ihren Freunden in die Wurstkuchel, auf ein frisch Gezapftes in den Kneitinger oder zum Relaxen in das Westbad. Konsum und Freizeit verbinden – für tschechische Kunden sehe so der ideale Einkaufstag aus.
Grüß Gott und Servus auf Tschechisch
Das beobachtet auch Andrea Janker von Marketingverein Pro Weiden e.V. im Weidener Rathaus. Das Oberzentrum in der nördlichen Oberpfalz punktet vor allem mit seiner Grenznähe. „Die Tschechen schätzen außerdem unsere Altstadt mit ihren kurzen Wegen und den vielen Freisitzen in der Gastronomie.“ Sie kommen nicht mehr nur zum Einkaufen. Mittlerweile kostet auch in Weiden der Kaffee nicht viel mehr als in Stříbro oder Pilsen. Und die Weidener Thermenwelt gilt sowieso als fest in tschechischer Hand. Marketingexpertin Janker bewirbt drei ausländische Zielgruppen für ihre Innenstadt: „Amerikanische Familien vom Stützpunkt Grafenwöhr, russische Touristen aus Karlsbad und die Kunden aus dem grenznahen Tschechien.“ Im Werben um mehr Kundenfreundlichkeit diesen Gästen gegenüber wiederum hilft sie Weidens Händlerschaft ganz pragmatisch. So können Händler und Gastronomen ihre Infoschilder mit Öffnungszeiten oder Speisekarten mit Hilfe des Vereins übersetzen lassen. In Abend-Crashkursen bekommen Verkäuferinnen und Verkäufer ein Grundvokabular an die Hand. „Wir hatten sogar schon mal einen Baumarktkurs“, so Janker. Auch hier wirbt man regelmäßig per Postwurf konzertiert um tschechische Kundschaft. Etwa mit einem bunten Infoflyer für den letzten verkaufsoffenen Sonntag im April. Neben dem Rahmenprogramm konnten sich dort die Weidener Geschäfte mit ihrem Angebot präsentieren. Schuhhändler Dieter Weiß schräg gegenüber dem Rathaus nimmt an diesen Werbeaktionen regelmäßig teil. Der 8. Mai macht sich als tschechischer Feiertag mal wieder besonders bemerkbar. „Heute waren wie zu erwarten viele Kunden aus Tschechien hier.“ Für Weiß lohnt sich das Feiertagsgeschäft so sehr, dass er diese Tage in seiner Personalplanung berücksichtigt. „Unser Angebot ist groß und wir bieten guten Service“, schätzt der Schuhhändler, dessen Stammkunden bis aus Prag anreisen, seine Pluspunkte ein.
Sich den Kunden öffnen
Bei einem sind sich Werber und Experten einig: Man muss den tschechischen Kunden zeigen, dass sie hier willkommen sind. Da reichen oft schon kleine Maßnahmen. Andrea Janker freute sich erst kürzlich über eine äußerst positive Resonanz im Tschechischen Rundfunk, der in einer Reportage Weidens Marketingaktivitäten den Tschechen gegenüber lobend vorstellte. Auch die Tschechin Do Thu Trang ist sich sicher, dass sich das Engagement um tschechische Gäste für die Regensburger Einzelhändler lohnt. „Regensburg hat viel Potenzial für seine einkaufs- und erlebnislustigen tschechischen Nachbarn.“
Peter Burdack
Wirtschaft konkret, Juni 2012