Virtuelle Marktweiber – Über Sinn und Unsinn von Twitter für Unternehmen

01.04.2010

Glaubt man den Umfragen unzähliger Consulting-Agenturen, kämen auch Sie als Unternehmer heute am Web-2.0-Phänomen Twitter kaum mehr vorbei. Wir haben einen Blick in die Region geworfen: Wann kann sich Twitter lohnen, und wann können Sie die Finger davon lassen?

Was Sie früher bei der Radi- Verkäuferin auf dem Wochenmarkt aufgeschnappt haben, zwitschert Ihnen heute das Internet zu. So jedenfalls behaupten das diejenigen, die sich selbst intensiv mit dem Web 2.0 beschäftigen, dort fleißig bloggen und twittern. Laut einer Untersuchung des Strategieberaters „2hm & Associates“ und der Uni Mainz steigere Twitter die Markenbindung, erleichtere die Verbreitung von Neuigkeiten, ermögliche virale Marketing-Kampagnen und pflege die Reputation eines Unternehmens.

Wem das nutzt
Das klingt vielversprechend, doch nennt die Studie eine wesentliche Einschränkung: Das ganze gelte natürlich nur für die Online-Welt. Einerseits werden mit Twitter ja nur die Kunden erreicht, die den Dienst auch regelmäßig nutzen. Zwar gibt es in Deutschland rund 100.000 Twitter-Profile, aktiv genutzt wird davon aber nur ein Bruchteil. Andererseits macht Twitter nur dann Sinn, wenn sie sich mit Ihrem Unternehmen von Geschäftswegen her im Internet bewegen. Zum Beispiel, wenn Sie überregional Dienstleistungen anbieten und darauf per Homepage hinweisen oder ihre Produkte mit Hilfe eines Online-Shops vertreiben.

Das tun David und Philipp Beckers. Die Regensburger Jungunternehmer bieten mit ihrer Firma hemdwerk preisgünstige Hemden nach Maß im Internet an. „Nachdem wir die übliche Suchmaschinenoptimierung durch hatten, um bei Google ein gutes Ranking zu erzielen, probierten wir Twitter auch aus.“ In der Adventszeit konnte man jeden Tag auf dem hemdwerk- Profil bei Twitter etwas gewinnen. Eine tolle Marketingkampagne, möchte man meinen. Nicht wenige Unternehmen versuchen so per Twitter auf ihre Produkte aufmerksam zu machen.

Die Erfahrung bei hemdwerk ist eine andere: „Wir haben in keinster Weise irgendeinen Effekt aus der Aktion erzielen noch irgendwie anders einen Nutzen aus Twitter ziehen können“, zeigt sich David Beckers ernüchtert. Twitter werde in Deutschland total überschätzt, sind die Brüder sich einig. Regionalen Anbietern, etwa Filialbetreibern, bringe das ganze Gezwitscher sowieso nichts. Ist Twitter Zeitverschwendung? „Man muss dauernd am Ball bleiben, um überhaupt auf sich aufmerksam zu machen“, geben sie zu bedenken.

Erfolgreiches Geschnatter
Eine halbe Stunde pro Tag, so lange twittert Karin Bründl im Durchschnitt unter dem Pseudonym TRAUDL_hotel beruflich. Traudl ist eine putzige Gummiente im Dirndl, die per Twitter über Klatsch und Tratsch aus der Domstadt berichtet. Im Zuge eines Volksfest-Events ins Leben gerufen, twittert die Reservierungsmanagerin Bründl seither für das Hansa Apart- Hotel Regensburg. Sie ist damit die wohl erfolgreichste kommerzielle Twitter-Nutzerin der Region, über 1.400 Nutzer interessieren sich für ihr Geschnatter.

„Man wird für die Wünsche der Gäste sensibilisiert“, meint sie. Twitter ermögliche einen regen Austausch zwischen Kunden und Hotels. „Hotelgäste twittern zum Beispiel, wenn im Zimmer eine Steckdose fehlt, an der man sein Handy aufladen kann.“ Auf diese Wünsche hin könne das Hansa Apart-Hotel seinen Service prüfen. So bietet man seit neuerem zum Beispiel auch kostenloses W-Lan an. Das kommt an beim Gast.

Bründl sieht noch einen Nutzen in Twitter. Man erreiche neue Zielgruppen, und werde selbst von anderen Anbietern entdeckt, „vom Suchmaschinen-Optimierer zum Matratzenreiniger“, meint sie. Das bringe neue Ideen in ihr Hotel. Potenzielle Gäste zwitscherten sich auch Hotel- Empfehlungen zu. „Das Hansa Apart-Hotel bekommt dank sozialer Netzwerke wie Twitter und Facebook viele Buchungsanfragen aus den USA“, zeigt sich Bründl erfreut. Auch wegen des Iron-Man-Wochenendes kämen viele Anfragen.

Die Gummiente Traudl zeigt, dass in der Tourismusbranche Twitter durchaus positive Effekte erzielen kann. Deshalb sind gerade Tourismusverbände und Regionalmarketing bei Twitter aktiv. Erwin Maurer von der Stadt Regensburg Tourismus GmbH etwa. Er twittert Neuigkeiten, Veranstaltungshinweise und Wissenswertes für Touristen im Auftrag der Stadt. Doch auch bei Twitter gilt: Nicht alles was geredet wird, schillert silbern.

Schlaue Sprücheklopfer
„Finanzplanung ist Lebensplanung.“ Mit konfuzianischen Weisheiten dieser Art versucht eine hiesige Finanzberatung per Twitter auf sich aufmerksam zu machen. Ganze 25 andere Twitter-Nutzer interessieren sich dafür. Erfolgreich ist in Twitter eben nur der, der auch etwas zu erzählen hat. Das dachte sich auch ein Regensburger Anwalt. Er twittert aktuelle BGH-Entscheidungen, Rechtsempfehlungen und wirbt für die Homepage seiner Kanzlei. Allerdings verlieren sich wie bei so vielen anderen Twitter-Profilen die wirklich brauchbaren Infos in einem Meer von Unnützem.

Besagter Anwalt lässt jeden ausführlich wissen, welche lukullischen Genüsse er zum Wochenende kredenzt hat: „Und zum Schluss Bananen aus dem Ofen in Orangen- Kokos-Sauce. Anschließend natürlich Kaffee und Digestiv.“ Fraglich, wen das interessieren soll. Ein Marktweib redet halt viel daher, wenn der Tag lang ist. Das hatte man einst schon denen nachgesagt, die auf dem Regensburger Domplatz ihren Weichser Rettich verkauften.

Peter Burdack, IHK Regensburg für Oberpfalz / Kelheim

Wirtschaft konkret, April 2010