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Gastkolumne in "Wirtschaft konkret" - Ausgabe Dezember 2009 von Thomas Hanauer, Geschäftsführer der emz-Hanauer GmbH & Co. KGaA und Vizepräsident der IHK
Europaregion. So eindeutig der Begriff klingt, in der politischen Diskussion gibt es dazu verschiedene Meinungen. Leichter tut sich da, wer visionäre Gedanken zur Konkretisierung der Grenzregion Ostbayern– Westböhmen als Europaregion vorstellen darf. Mag sein, dass meine Ausführungen zu einer weiteren Interpretationsmöglichkeit des Begriffs Europaregion führen. Das ist beabsichtigt.
Visionen richten sich in die Zukunft. Unmittelbar nach der Grenzöffnung war es die Realität, die genug Stoff für Visionen bot. Man brauchte sich nur das Gegenteil von dem vorzustellen, was 40 Jahre lang entlang der Grenze Alltag war. Die Vision war schlicht die Herstellung normaler Verhältnisse. Das haben wir in den letzten 20 Jahren erreicht.
Miteinander statt nebeneinander
Was machen wir daraus? Könnten wir mit dieser Normalität nicht zufrieden sein? Eine offene Grenze, eine friedliche Nachbarschaft... Oder ist das doch zu wenig? Es ist zu wenig. Ein schlichtes Nebeneinander schließt Chancen aus, Chancen, die sich aus einem Miteinander ergeben können. Die Zukunft der Oberpfalz und ihrer Nachbarregionen liegt in Europa. Diese Chancen lassen sich nur gemeinsam nutzen. Miteinander, nicht nebeneinander. Diese Botschaft ist in der Region angekommen. Das belegen viele grenzüberschreitende Initiativen und Aktivitäten in Politik und Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft. Wie definieren wir uns als Europaregion? Da stellen sich Fragen nach der räumlichen Ausdehnung und der inhaltlichen Gestaltung. Diese Diskussion müssen wir führen. Das ist nicht einfach. Folgt man der augenblicklichen Diskussion, könnte man Europaregion für eine neue Fördergebietskategorie halten oder für eine Art erweiterter Euregio.
Das wäre nach unserem Verständnis viel zu wenig. Das greift zu kurz. Nach meiner Auffassung ist Europaregion ein Standortprädikat und keine Zweckgemeinschaft zur Beschaffung von Fördermitteln. Es zeichnet eine Region aus, die im europäischen Vergleich herausragt und prominente Besonderheiten ausweist. Es bedarf in Europa bezifferbarer Größenordnungen wie Fläche, Bevölkerung, Inlandsprodukt, Unternehmenspotenzial.
Daneben müssen auch in qualitativer Hinsicht, in Kunst und Kultur, Wissenschaft und Historie, europäische Ansprüche erfüllt werden. Eine Europaregion sollte sich durch Internationalität auszeichnen. Eine solche Qualität leitet sich nicht nur aus der Exportquote ab.
Eine Europaregion, die diesen Namen verdient, braucht eine Mindestgröße und eine Mindestausstattung, ein kritisches Potenzial an wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Ressourcen. Eine Europaregion ist nicht die Summe vieler Kleinpotenziale. Sie ist das Ergebnis vielseitiger und vielfältiger, innereuropäischer Kooperationen und Vernetzungen. Das muss unser Anspruch sein. Das ist die Leitvision für eine Europaregion.
Europa heißt Vernetzung
Wie können wir diesen Anspruch erfüllen? Es gibt in unserer Region sehr gute Ansätze, die wir nur konsequent fortsetzen müssen. Es gibt Beispiele hervorragender grenzüberschreitender Kooperation. Es ist wichtig, dass sich diese Prozesse gemeinsamer Willensbildung, gemeinsamen Handelns und Initiativen auf allen gesellschaftlichen Ebenen mit hoher Dynamik weiterentwickeln, und so zu einer immer dichteren Vernetzung führen.
Einen vergleichbaren Integrationsprozess erleben wir zwischen Niederbayern, Südböhmen und Oberösterreich. Diese Bezirke sind auch unsere Nachbarn. Lassen Sie uns also über die oberpfälzisch-niederbayerische Grenze blicken. Das ergibt ein in der Tat eindrucksvolles Bild:
Das sind europäische Dimensionen. Hinter diesen Zahlen stecken Qualität und Vielfalt, europäische Geschichte und Tradition. Wir müssen dieses Potenzial nach außen darstellen und nach innen wirken lassen.
Die Prozesse, die in der Summe zu einer Europaregion führen können, laufen dezentral. Das ist in Ordnung. Entscheidend ist, dass alle das gemeinsame Ziel einer Europaregion im Blick haben und dass sich alle auf gemeinsame Leitplanken einigen.
Europa ist Vielfalt
Europaregionen sind keine regionalen Monolithe. Sie definieren sich aus der Summe vieler dezentraler Initiativen. Vielfalt ist das Besondere an Europa. Auf der Grundlage erfolgreicher Kooperationen zwischen Unternehmen, zwischen Unternehmen und Hochschulen und zwischen Hochschulen entsteht ein interessanter Arbeitsmarkt, der Fachkräfte aus allen Ländern Europas anzieht. Interessante Forschungsprojekte an Hochschulen locken Forscher und Wissenschaftler, und diese wiederum locken Unternehmen an den Standort einer Europaregion. Kooperationen auf kulturellem Gebiet und im Tourismus schaffen attraktive Lebensräume. So ergibt eines das andere.
Doch wie kann eine Bündelung unterschiedlicher Initiativen erfolgen? Wie organisiert sich diese Europaregion? Die dezentralen Prozesse organisieren sich alleine, doch um Rahmenbedingungen, Infrastruktur oder Standortmarketing muss sich jemand kümmern. Standortmarketing für eine grenzübergreifende Europaregion ist mehr als die Addition einzelner Regionalmarketingaktivitäten. Dabei ist die Organisation einer Europaregion eine hoch politische Frage. Da geht es um Kompetenzen, Befugnisse und Einflussmöglichkeiten – und das länderübergreifend. Es geht darum, den Widerspruch zwischen kleinräumiger Selbstbehauptung und großräumiger Notwendigkeit zu überwinden. Und es geht um den fairen Interessensausgleich innerhalb der Europaregion. Wir dürfen den Begriff der Europaregion nicht als Zweckgemeinschaft zur Erlangung europäischer Fördergelder verstehen. Statt Interessensausgleich befördert das den Interessensgegensatz. Das kann nicht zum Erfolg führen, für niemanden!
Gelingt es uns nicht, diese Visionen zu verwirklichen und synergetische Potenziale zu heben, besteht das Risiko, dass diese eher ländlich geprägten Regionen im europaweiten Wettbewerb abgehängt werden. Das hätte für unsere Unternehmen und die Menschen, die hier leben und arbeiten, schwerwiegende negative Folgen.
Vision wird Wirklichkeit
Wir werden unsere grenzübergreifenden Initiativen weiterverfolgen. Wir appellieren an die Politik, bei der Entwicklung einer Europaregion europäisch, und nicht nur förderpolitisch zu denken. Wir appellieren an alle, ihren Beitrag zu einem friedvollen Miteinander in den Grenzregionen zu leisten. Dann werden wir unser Ziel erreichen: In einem europäisch geprägten, prosperierenden Wirtschafts- und Lebensraum, mit hervorragender Infrastruktur, in dem Forschung und Lehre von sich reden machen, in eine Region, mit reichem kulturellen Erbe, mit intakter Natur, in der es sich hervorragend leben und arbeiten lässt. Deshalb siedeln sich Unternehmen hier an, und der Mittelstand der Region ist international erfolgreich. Die Region hat einen hervorragenden Ruf in Europa und ist deshalb begehrt. Hochqualifizierte Fachkräfte und renommierte Forscher arbeiten und lehren hier. Die Region gilt etwas in Europa. Und einen Namen hat sie dann vielleicht auch.