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Recyclingbörse lohnt sich Auf der IHK-Recyclingbörse können Unternehmen kostenlos verwertbare Abfälle und Produktionsrückstande anbieten und nachfragen. 2011 suchten laut DIHK rund 88.000 Unternehmen in der Börse nach recycelfähigem Material. Die aktuellen Renner an der IHK-Recyclingbörse sind Kunststoffe gefolgt von Metallen, Papier/Pappe und Gummi. Börse unter www.ihk-recyclingboerse.de
Gesetze für mehr Planungssicherheit
„Abfallberge als Rohstoffquelle der Zukunft“, ist ein beliebter Slogan bei Politikern und Medien. Doch schon bei der Neufassung des Kreislaufwirtschaftsgesetzes gab es erbitterten Streit zwischen Politik, Kommunen und der Recyclingwirtschaft. Um den Kreislauf der Rohstoffe zu schließen, reichen Wertstofftonnen nicht aus.
Als Deutschland vor mehr als 60 Jahren in Schutt und Asche lag, entstand eine Verwertungsgesellschaft par excellence. Aus den Schuttbergen der Städte gewannen die Trümmerfrauen Baustoffe. Buben sammelten Kriegsschrott für die Metallindustrie. Mit dem Wirtschaftswunder kam die Wegwerfgesellschaft, die in den 1980er Jahren fast im eigenen Müll erstickte. Und heute? Eine der reichsten Wirtschaftsnationen der Welt buddelt wieder im Müll, um sich mit Rohstoffen zu versorgen. Wissenschaftler der Universität Gießen untersuchten alte Mülldeponien nach Wertstoffen und wurden fündig: Elektrogeräte, Kunststoffe, Metall und sogar eine alte Zeitung, die man noch lesen konnte.
Seltene Erden aus China
„Abfallberge als Rohstoffquelle der Zukunft“, ist ein beliebter Slogan bei Politikern und Medien. Damit die Müllbeschau modern klingt, heißt sie „Urban Mining“. Rohstoffe werden knapper und immer teurer, das belegt die Deutsche Rohstoffagentur in ihrem Jahresbericht 2010. Deutschland importierte 2010 Rohstoffe im Wert von 109,3 Milliarden Euro. Bei Erdöl, Metallerzen, Industriemineralien und verschiedenen anderen existenziellen Rohstoffen ist die deutsche Industrie fast vollständig von den internationalen Märkten abhängig. In aller Munde sind die Seltenen Erden. Ohne sie keine Technologien der Zukunft, keine Festplatten, Elektromotoren, Akkumulatoren oder Medizintechnik. 95 Prozent der Seltenen Erden kommen aus China. Damit sind Hightech-Unternehmen weltweit von einem Land abhängig. Nach dem genannten Rohstoffbericht stieg der Preis für Seltene Erden zum Teil um das zehnfache. Auch andere Rohstoffe legten im Vergleich zum Jahr 2009 zu: Erdöl (Brent) um 29,1 Prozent, Blei um 24,7 Prozent, Nickel um 50,6 Prozent, Elektronik- und Sondermetalle um mehr als 30 Prozent, Eisenerze und Ferrolegierungen um bis zu 90 Prozent. Je mehr die Volkswirtschaften der Schwellenländer wachsen und sich der Rohstoffhunger Chinas weiterentwickelt, desto knapper wird das Angebot an Primärrohstoffen.
Die hohen Preise beflügeln die Bergbauunternehmen, auch in Deutschland wieder nach Rohstoffen zu suchen. In Storkwitz (Nordsachsen) vermuten Geologen eine rund 40.000 Tonnen schwere Lagerstätte mit Seltenen Erden. Doch die Rohstoffe liegen noch in anderer Hinsicht buchstäblich vor der Haustür, nämlich in den rund 580 Kilogramm Müll, den jeder Einwohner pro Jahr hinterlässt. Nun ist die Idee, den Abfall zu recyceln nicht gerade neu, aber die hohen Rohstoffpreise sorgen dafür, dass es sich vielleicht lohnt, in modernste Technologien zu investieren, um die wertvollen Metalle, die in Elektronik und Hightech-Industrie verarbeitet werden, wiederzugewinnen. In Millionen alten Handys und Festplatten schlummern Gold, Silber und Seltenerdmetalle von beträchtlichem Wert.
Wem gehört der Müll?
Das Gewinnen von Sekundärrohstoffen ist bei Politikern, denen die Rohstoffabhängigkeit Deutschlands immer mehr Sorgen bereitet, ein wichtiges Thema. Doch schon beim Versuch, das deutsche Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetz an die EU-Abfallrichtlinie von 2008 anzupassen, gab es endlose Diskussionen, zahllose verworfene Entwürfe und schließlich einen Kompromiss im Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat. Mit mehr als zweijähriger Verspätung trat das neue Kreislaufwirtschaftsgesetz nun am 1. Juni in Kraft. Im Mittelpunkt des Streits, der zwischen den öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträgern und den Spitzenverbänden der privaten Recycling- und Entsorgungswirtschaft ausgetragen wurde, stand die Frage: Wer darf sich welchen Müll bei den Haushalten abholen und aneignen?
Traditionell ist Müllentsorgung eine hoheitliche Aufgabe der Gesundheitsvorsorge, doch die private Entsorgungswirtschaft erhoffte sich von der Gesetzesnovelle einen freieren Zugriff auf die Wertstoffe des Hausmülls. Nach der alten Rechtslage durften die Privaten zum Beispiel Altpapier nur dann einsammeln, wenn keine öffentlichen Interessen dagegen standen. Das heißt, der Hausmüll gehörte praktisch den Kommunen. Die Gemeinden fürchteten nun, dass sich die Privatunternehmen nur die profitablen Wertstoffe aus dem Müll herauspicken könnten und den teuren Rest der Allgemeinheit überließen. Verbände der Unternehmen konterten: Die Kommunen würden einen innovativen Wettbewerb und Recycling verhindern wollen, damit sie genügend Stoff für ihre Müllverbrennungsanlagen hätten.
Thomas Knoll, der Verbandsdirektor des Zweckverbandes Müllverbrennung Schwandorf (ZMS), weist diesen Vorwurf zurück. Der ZMS wird von zehn Landkreisen, fünf kreisfreien Städten und zwei Zweckverbänden getragen. Er entsorgt den Restmüll von rund 1,8 Millionen Menschen zwischen Hof und Landshut. „Was bei uns im Bunker landet, ist faktisch nicht mehr verwertbar“, sagt Knoll. „Selbst wenn man davon noch einige Prozent aussortieren wollte, würde der Rest ohne weiteres reichen, um die Müllverbrennungsanlage wirtschaftlich zu betreiben. Im Übrigen stelle auch die Müllverbrennungsanlage Schwandorf einen Rohstoff her, „nämlich eine beträchtliche Menge Energie“, betont Knoll. Zusätzlich fiel in der Verbrennung hochwertiger Eisenschrott an.
Weltmeister im Mülltrennen
Zum Vorwurf der Kommunen an die Privaten, sie wollten sich die Rosinen aus dem Müll picken, macht Knoll folgende Rechnung auf: Etwas mehr als die Hälfte des gesamten Müllaufkommens ist Gewerbemüll, der ohnehin komplett von Privatunternehmen entsorgt, recycelt oder beseitigt werde – so auch in der Müllverbrennungsanlage Schwandorf. Vom Hausmüll sind die Verpackungen mit dem grünen Punkt über das Duale System Deutschland ebenfalls in privater Hand. Elektroschrott muss nach der Elektrogeräteverordnung von den Herstellern zurückgenommen werden, die das wiederum an private Entsorgungsunternehmen delegieren. So bleibe ohnehin nur ein kleiner Teil bei den Kommunen. „Die Bürger trennen den Abfall wie die Weltmeister, dann sollte der Erlös aus den Wertstoffen über niedrigere Müllgebühren auch wieder an den Bürger zurückgeben werden“, meint Knoll.
Auf der anderen Seite dürfen die berechtigten Interessen der Privaten nicht vernachlässigt werden. „Denn schließlich hat die Privatwirtschaft Milliardenbeträge in Sammelsysteme und Sortier- und Verwertungsanlagen investiert und damit das Recycling erst aufgebaut“, sagt Richard Meindl, der mit seinem Bruder Reinhard das Entsorgungs- und Recyclingunternehmen Meindl im Landkreis Regensburg betreibt.
Der Streit wurde nun dahin entschieden, dass gewerbliche Sammlungen nur untersagt werden können, wenn die Kommune ein gleichwertiges System betreibt. Wie sich das neue Kreislaufwirtschaftsgesetz im Übrigen auswirken wird, wagt noch niemand zu sagen, denn das Gesetz enthält zahlreiche Ermächtigungen für Einzelgesetze, eines davon wird das Wertstoffgesetz sein, bei dem es vor allem um die Erfassung von Kunststoffen geht, die keine Verpackung sind, also um den ausgedienten Wischeimer oder das zerbrochene Kinderspielzeug.
Typisch bayerisch
So sehr sich die Spitzenverbände im Gesetzgebungsverfahren beharkten, so pragmatisch sehen die Beteiligten die Aufgaben vor Ort. „Die Zusammenarbeit zwischen den Privatunternehmen und den Kommunen funktioniert sehr gut“, betonen nicht nur Franz Pfeffer, Pressesprecher des Landkreises Schwandorf und Dr. Bernhard Mitko, Leiter des Referates für Umwelt in Amberg, sondern auch Richard Meindl und Maximilian Scheidacker, Prokurist bei der Zellner Recycling GmbH in Regensburg.
In Amberg hat jeder Haushalt eine Restmüll-, eine Bio- und eine Papiertonne, die von einem privaten Unternehmer abgeholt werden. Für Verpackungen gibt es den gelben Sack, der von einem Unternehmen des Dualen Systems Deutschland abgeholt wird. Darüber hinaus stehen Wertstoffhöfe unter anderem für Sperrmüll, Altglas, Weißblech, Eisenschrott und Bauschutt zur Verfügung, sowie ein Containernetz mit rund 50 Standorten für Gartenabfälle, Altglas, Dosen und Textilien. So ähnlich funktioniert es auch im Landkreis Schwandorf, wo es allerdings keine Biotonne gibt.
Beide Kommunen haben den weiteren Vertrieb und die Verwendung der Wertstoffe komplett an Private abgegeben und damit ihren eigenen Kompromiss gefunden. „Die Privatunternehmen partizipieren damit an den Wertstoffen, aber die Kommune behält die Kontrolle über die Entsorgung – eine optimale Lösung und niedrige Müllgebühren für den Bürger“, sagt Pfeffer. „Das ist die typisch bayerische Struktur“, erklärt Knoll. „In Bayern gibt es viele mittelständisch geprägte Unternehmen, die intensiv mit den Kommunen zusammenarbeiten.“
Welche Leistungen die Kommunen an Private vergeben, ist unterschiedlich. „Die Dienstleistungen werden oft getrennt ausgeschrieben, das heißt Abholung und Transport einerseits und Sortierung und Vermarktung andererseits“, erklärt Scheidacker. Die Firma Zellner konzentriert sich auf die Sortierung und Vermarktung von Altpapier, Elektroschrott, Kunststoffen, insbesondere auch Kunststoffe, die keine Verpackung sind, sowie auf Aktenvernichtung. Zellner bezieht die Wertstoffe sowohl von Kommunen als auch von Gewerbetreibenden. Bei der Firma Meindl, einem der größten Entsorgungsunternehmen in der Region, stellt der Gewerbemüll das Hauptgeschäft dar. „Der Abfall aus Gewerbe und Industrie ist sehr viel breiter gefächert als der Hausmüll“, erklärt Richard Meindl. Dazu gehören Metalle, Kunststoffe, Altholz und Papier ebenso wie Bauschutt, Öle oder chemische Abfälle. Dafür hat der Gewerbemüll den Vorteil, dass er bei den Unternehmen oft sortenrein in verschiedenen Containern gesammelt wird. Im Übrigen ist Meindl seit Jahren in das Abholsystem der Stadt und des Landkreises Regensburg integriert.
Firmen wie Meindl und Zellner sind im Kreislaufwirtschaftssystem die erste Anlaufstelle für werthaltigen Abfall. Hier werden Papier, Kunststoffe oder Metalle vor allem sortiert, zur weiteren Verarbeitung vorbereitet oder zu Ballen gepresst. Das Papier geht direkt wieder an regionale Papierfabriken, die Metalle werden überwiegend an die Stahlhütten im Ruhrgebiet geliefert. Kunststoffe werden in Spezialfirmen wie der ZWS Recycling GmbH (Regensburg) zu Sekundärrohstoffen verarbeitet und dann an die Kunststoffindustrie weitergegeben. Der Elektroschrott wird im Unternehmen und teilweise von speziellen Partnerfirmen zerlegt und dann wieder verarbeitet. Auf diese Weise fließen rund 70 Prozent des Abfalls als Sekundärrohstoff in den Wirtschaftskreislauf zurück.
Wertstoffe im Restmüll
Zeitungen oder Kartonagen bestehen heute bereits zu 95 Prozent aus Altpapier. Altstahl (jährlich etwa 20 Millionen Tonnen) wird fast vollständig wiederverwertet. Aluminium und Kupfer enthalten zu rund 60 Prozent sekundäre Rohstoffe und bei Glas liegt die Recyclingquote bei über 80 Prozent. Theoretisch stecken im Restmüll, ungefähr 170 Kilogramm pro Einwohner und Jahr, immer noch rund 26 Kilogramm Wertstoffe, hat das bifa Umweltinstitut in Augsburg ausgerechnet. Praktisch nutzbar sind davon aber nur acht Kilogramm. Eine andere Rechnung des Instituts der Deutschen Wirtschaft klingt dagegen interessanter: 2009 wurden in Deutschland Sekundärrohstoffe im Wert von knapp neun Milliarden Euro produziert, das sind knapp zehn Prozent von dem, was Deutschland 2010 für Rohstoffimporte ausgegeben hat. Rechnet man die bisherige Wachstumsrate der Branche hoch, werden 2015 Sekundärrohstoffe im Wert von rund 20 Milliarden Euro produziert.
Ob die Verwertung der alten Handys und sonstiger Elektronik dabei eine Rolle spielen wird, ist fraglich. Freilich gibt es Verfahren, die Gold, Silber oder die Seltenen Erde wiedergewinnen. Doch: „Je größer die Trenntiefe ist, desto aufwendiger und kostspieliger wird Recycling“, sagt Scheidacker. Ob es dann noch wirtschaftlich ist, hängt von den Rohstoffpreisen ab. Bei den Seltenen Erden, zum Beispiel, werden weltweit neue Lagerstätten gesucht und gefunden. In ein paar Jahren wird das Quasi-Monopol der Chinesen fallen und damit vermutlich auch der Preis für Seltene Erden.
Um unabhängiger vom Rohstoffimport zu werden, wird es wohl nicht reichen, aus dem Restmüll noch ein paar Kilo Wertstoffe herauszuholen. Aber die EU-Abfallrichtlinie gibt mit der fünfstufigen Abfallhierarchie eine Marschrichtung vor: Vermeidung, Vorbereitung zur Wiederverwendung, Recycling, Verwertung (z.B. thermische Verwertung) und Beseitigung. Unter Vermeidung lässt sich auch das Thema Materialeffizienz subsumieren. Nach Untersuchungen des Fraunhofer-Institutes für System- und Innovationsforschung ließen sich in deutschen Unternehmen Material und Rohstoffe im Wert von 48 Milliarden Euro im Jahr einsparen.
Im Recycling wünschen sich die Unternehmer der Abfallwirtschaft vor allem eine klare Gesetzgebung sowie eine eindeutige Rechtsprechung, die mehr Freiraum lassen und Planungssicherheit geben. In der Vergangenheit haben die Verpackungsverordnung, das Dosenpfand oder das Elektrogerätegesetz die Recyclingwirtschaft zwar beflügelt, aber letztlich ist die Abfallgesetzgebung sehr unübersichtlich.
Das Marktgeschehen übt wesentlichen Einfluss auf die Kreislaufwirtschaft aus. Hier wird ein grundsätzliches Umdenken erforderlich sein. Wenn Ingenieure heute ein Produkt entwerfen, hat es ein schönes, praktisches Design, ist kostengünstig zu produzieren und bietet dem Verbraucher immer neue Anwendungen. Noch zu wenige Ingenieure denken bereits bei der Konstruktion daran, wie man die teuren Rohstoffe, die man in das Produkt steckt, am Ende wieder herausbekommt. Ein Negativbeispiel ist die Getränkedose aus Plastik mit Aluminiumdeckeln und aufgeklebter Folie. „So etwas lässt sich nicht recyceln“, sagt Scheidacker. Die Rechnung ist im Grunde ganz simpel: Je einfacher und kostengünstiger sich der Müll in sortenreine Fraktionen trennen lässt, desto mehr Sekundärrohstoffe lassen sich daraus gewinnen. Das Produktdesign wird in Zukunft also eine wesentliche Rolle dabei spielen, ob sich der Kreislauf der Rohstoffe irgendwann schließt.
Ralf Tauz
Wirtschaft konkret, Ausgabe Juli/August 2012