Künstler wird Byznys-Mann

01.07.2012

IHK-Info


Gruppen, die eine Korruptionstour durch Prag oder Aussig unternehmen möchten, können sich unter info@corrupttour.com oder +420/739 99 00 80 an die Reiseagentur wenden. „Safari“ und der Usti-Ausflug werden auch auf Deutsch angeboten. Eine Tour kann ab zwölf Teilnehmern stattfinden, maximal beträgt die Gruppenstärke 25 Teilnehmer. Steht eine Reservierung fest und sind noch Plätze frei, können einzelne Personen dazu stoßen. Übersicht über alle Termine unter www.corrupttour.com oder http://www.corrupttour.com/de für die Termine in deutscher Sprache.

 

Corrupt-Tours sorgen für Furore

Korruption ist in Tschechien ein heißes Eisen. 95 Prozent der Einheimischen halten sie nach einer aktuellen Umfrage für das größte gesellschaftliche Problem im Land. Was die Beteiligten unter der Decke halten wollen, holen Stadtführungen in Prag und Aussig ans Licht.

Petr Šourek ist ein vielbeschäftigter Mann. Sein Handy ist dauernd besetzt, vom Hörsaal der Technischen Universität Prag eilt er zu einem Marketingkongress in ein Luxushotel. Zwischen Podiumsdiskussion und Interview wird schnell noch ein Shooting mit einem japanischen Fotografen gepresst. Petr Šourek ist Künstler und Philosoph. Stark gefragt aber ist er inzwischen, weil der Künstler zum Geschäftsmann geworden ist. Byznys – wie es so schön auf „Tschenglisch“ heißt. Und das mit Erfolg.

Šourek ist Gründer von Corrupt Tours. Das Reisebüro bietet seit Januar Stadtführungen auf den Spuren der Korruption in Prag und Usti nad Labem (Aussig) an. Korruption ist in Tschechien ein heißes Thema. 95 Prozent der Einheimischen halten sie nach einer aktuellen Umfrage für das größte gesellschaftliche Problem im Land. Deutsche Investoren bewerten das ähnlich. Kein Wunder, dass die Idee des 37-Jährigen gezündet hat. Etwa 800 Interessenten aus dem In- und Ausland hat das Team von Corrupt Tours bereits zu Schauplätzen geführt, die für Investitionsruinen, Steuergeldversickerung in dunklen Kanälen, Bestechung und Einflussnahme von Lobbyisten stehen.

Was ist eigentlich passiert?
Wie jeder gute Unternehmer bedient der ursprünglich multimedial engagierte Theater autor und Übersetzer eine Nische. „In Prag ist der gesamte Tourismus an Denkmälern ausgerichtet. Das ist langweilig“, meint Šourek. Seine Thementouren versteht er als Gegenentwurf, der die Teilnehmer hinter die Fassaden blicken lässt. Zudem lässt er sich als kreativer Mensch von der Atmosphäre in der Gesellschaft inspirieren. „Wenn juristisch gegen Korruption vorgegangen wird, verläuft das in der Regel im Sande. Und dann weiß niemand mehr, was eigentlich passiert ist …

“ In der Landeshauptstadt bietet das alternative Reisebüro inzwischen drei Touren an. „Prags beste Drei“ führt zu Schauplätzen gigantischer Geldverschwendung: dem umstrittenen Autotunnel Blanka, der Letna- Ebene, wo der Neubau der Nationalbibliothek als krakenähnlicher Blob floppte und dem Škoda-Palast, geplatzter Traum von einer Luxus-Repräsentanz des Autokonzerns. „Krankenhäuser am Rande der Legalität“ erinnert nicht nur zufällig an eine beliebte Serie des tschechischen Fernsehens Ende der 1970er Jahre. „Safari“ schließlich – laut Šourek die lustigste Tour – macht per Fotoapparat Jagd auf besonders schillernde Vögel der Lobbyisten-Szene. Aufhänger in Aussig ist eine über drei Millionen Euro teure Seilbahn, die von einem Einkaufszentrum zu einem Ausflugslokal führt und die angeblich niemand braucht.

Schwarzbauten und Alkoholfahrten
Šourek und sein neunköpfiges Team in bunten originellen Kostümen wollen zwar aufklären, haben selbst aber mit der Aufdeckung von Enthüllungsstorys nichts am Hut. Corrupt Tours verwendet nur Informationen, die in den Medien bereits verbreitet wurden. Sie will Šourek an die Schauplätze seiner Touren transformieren, um sichtbar zu machen, was Korruption bedeutet. Am besten lässt sich das am Beispiel der Villa von Roman Janoušek illustrieren. Der Unternehmer und Lobbyist gilt als graue Eminenz der tschechischen Politik. Seinen starken Einfluss auf Entscheidungen des Prager Magistrats und die Demokratische Bürgerpartei ODS belegten erst kürzlich Veröffentlichungen von abgehörten Telefongesprächen zwischen Janoušek und dem ehemaligen Oberbürgermeister Pavel Bem. Unmittelbar nach dem Abhörskandal geriet er erneut in die Schlagzeilen. Ende März verursachte Janoušek betrunken einen Auffahrunfall. Als sich ihm die Unfallgegnerin in den Weg stellte, überfuhr er die Frau. Das Opfer wurde schwerverletzt, Janoušek beging Fahrerflucht. Dass er trotz allem nicht festgenommen wurde, zog einen Rücktritt in der Polizeispitze nach sich.

In Podoli, einem beschaulichen Prager Stadtteil mit alten Bürgervillen, hat der Unternehmer einen Privatpalast gebaut. Hinter haushohen Mauern verschanzt er sich dort vor den Nachbarn. Nicht nur ein baulicher Affront, der laut Šourek erst im Nachhinein genehmigt wurde. Das Gebäude drückt Machtwillen und Abwehr aus: Niemand hat dem Besitzer in die Fenster, sprich Karten, zu gucken. Corrupt Tours hat Roman Janoušek die Trutzburg wohl verleidet. Auf einer der ersten „Safaris“ geriet er den Teilnehmern zufällig vor die Kameras. Ein Video, wo er aus seinem Auto heraus in den Garten hechtet, wurde genüsslich von tschechischen TVMedien verbreitet.

Deutschland uninteressant
Mit Beschwerden von Protagonisten wie Janoušek kann Corrupt Tours gut leben. Weitaus bedenklicher findet Petr Šourek die Reaktion des Krankenhauses Motol, ein Schauplatz der zweiten Tour. Im Foyer hat er dort in bester Theatermanier mit seinen Touristen ein interaktives Klinik-Spiel durchgeführt. „Das Krankenhaus wollte eine Nutzungsgebühr für unseren Besuch haben, ziemlich viel Geld“, schildert Šourek. Eigentlich nicht verwunderlich, denn die Klinik steht im Ruf, prominenten Patienten besseren Service gegen Bares zu bieten. Corrupt Tours hat daraufhin das Foyer als Bühne gestrichen.

Ein Performance-Akteur als Reiseveranstalter, verkleidete Reiseführer, Sehenswürdigkeiten als Bühne: Ist das nicht vielmehr alles Theater denn ernsthaftes „byznys“? Jungunternehmer Šourek ist pragmatisch: „Natürlich ist es ein Geschäft. Es muss nachhaltig werden, damit es weiterläuft und wir Geld verdienen.“ Die Chancen stehen gut. Die Nachfrage vor allem aus dem Ausland hat Corrupt Tours inzwischen überrollt. Aus Deutschland, Österreich und der Schweiz melden sich immer mehr Gruppen, die auf Korruptionstour gehen wollen – als Seniorenausflug ebenso wie aus wissenschaftlichem Interesse. Das Garagenunternehmen Corrupt Tours hat so bereits zwei Arbeitsplätze geschaffen, verteilt allerdings auf viele Schultern. Schon denkt Petr Šourek an Expansion. An „Reisezielen“ im eigenen Land mangelt es nicht, eher an den logistischen Möglichkeiten. Brünn oder Budweis hält er für attraktiv, würde dort dann aber Filialen aufbauen. Im Ausland lockt ihn Italien. Deutschland reizt Šourek, der eine Zeit lang in Berlin studiert hat, trotz der Wulff-Affäre nicht. „A priori wie a posteri uninteressant“, urteilt er.

Medienstar Šourek
In Tschechien ist der Künstler, der zum Unternehmer wurde, nun auch zum Medienstar avanciert. Über 50.000 Aufrufe verzeichnet die Aufzeichnung seines Auftritts beim beliebten Talkmaster Jan Kraus über den Videokanal Youtube. Nicht nur im Fernsehen ist Petr Šourek gefragt in Sachen Korruption. Ob Studentenworkshop zum Thema Gerechtigkeit in der Architektur oder Konferenz über Wahrheit und Lüge in der Marketingkommunikation, Šourek ist eingeladen, als Experte seine Sicht darzulegen. Sogar Autogramme muss er geben. Und auch im Privatleben wird er anders wahrgenommen. „Meine Frau meint, ich könnte nun doch auch mal die Waschmaschine bedienen“, lacht Šourek. Dem Unternehmer traut sie solch praktische Fähigkeiten wohl eher zu als vorher dem Künstler.

Beate Franck

Wirtschaft konkret, Juli/August 2012