Tiger am Bosporus

01.07.2012

Editorial in „Wirtschaft konkret“, Ausgabe Juli/August 2012

In der Türkei wird investiert, exportiert und konsumiert wie nie zuvor. Deutschland, einer der verlässlichsten Wirtschaftspartner des Landes, nimmt teil an diesem Boom. Es scheint sich ein Kreis des Wohlstands zu schließen, der vor mehr als 60 Jahren in der jungen Bundesrepublik begann. Deutschland holte Gastarbeiter auch aus der Türkei. Das Wirtschaftswunder setzte einen Wirtschaftskreislauf in Gang, dessen Ende noch heute nicht abzusehen ist.

Türkische Arbeitskräfte leisteten in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts in dem vom Krieg zerstörten Deutschland einen immensen Beitrag zur wirtschaftlichen Konsolidierung. Manche von ihnen blieben über Generationen, andere kehrten nach einigen Jahren wieder heim und investierten das mitgebrachte Geld am Bosporus. Sie bauten in der Türkei eigene Betriebe auf, exportierten zuerst Gemüse, Teppiche und Leder und später auch Elektronikteile, Maschinen und Automotive-Komponenten. Die Türkei entwickelte sich allmählich zum wichtigen Handelspartner Deutschlands. Der Austausch zwischen den beiden Ländern floriert heute.

Das Wachstum des türkischen Marktes ist enorm. Die Krise Europas lässt die türkische Wirtschaft kalt. Um 8,5 Prozent wuchs das Bruttoinlandsprodukt im vergangenen Jahr. Im ersten Quartal 2012 legte der türkische Export um 10,5 Prozent zu. Das Handelsvolumen zwischen Deutschland und der Türkei wuchs 2011 um 27 Prozent auf 37 Milliarden Dollar. Exporte nach Deutschland tragen fünf Prozent zum türkischen Bruttoinlandsprodukt bei. Was den Tiger am Bosporus schwächt, sind die Energieimporte. 2011 kaufte die Türkei Energie im Wert von 54 Milliarden Euro ein, eine Summe, die für die Außenhandelsbilanz des Landes nicht ohne Folgen blieb. Für energieintensive Unternehmen besteht Handlungsbedarf. Im Mai organisierte die IHK Regensburg für Oberpfalz / Kelheim deshalb zusammen mit dem Bundesverband der Unternehmervereinigungen BUV e.V., Berlin, der viele türkischstämmige Mitglieder hat, eine Unternehmer- Reise nach Istanbul und Ankara, um Informationen zur Energiewirtschaft zu sammeln und Kontakte zu knüpfen.

Doch orientiert sich die türkische Wirtschaft nicht nur nach Westen. Ihr Einzugsbereich als Beschaffungsmarkt und Bauinvestor reicht vom Schwarzen Meer über den Kaukasus nach Nordafrika, den Nahen Osten und in die Golfstaaten. Gute Wirtschaftskontakte in die Türkei sind für Unternehmer aus diesen Ländern schon die halbe Geschäftsbeziehung nach Deutschland. Wer kein Visum bekommt, dem reicht oft ein Messeplatz in Istanbul oder Ankara, um Kontakte nach Deutschland zu knüpfen. Die Türken vermitteln und sie wissen, wie die Deutschen ticken.

Peter Esser
IHK-Präsident
esser@regensburg.ihk.de