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Europas Kulturhauptstadt 2015 heißt Pilsen. Mit wenig Geld und viel Engagement verfolgen ihre Macher dabei ein hohes Ziel. Sie wollen der Stadt eine neue Identität verpassen.
Die Mlynska strouha, den so genannten Mühlenpriel in Pilsen ,schmücken seit September die Portraits von zehn Männern. Darunter befinden sich der Direktor des Pilsener Zoos Jiři Travniček, Bischof František Radkovsky sowie der „Goldjunge von Nagano“, Eishockeyspieler Martin Straka. Auch einen Chirurgen und einen Mathematikprofessor zeigen die humorigen Portraitaufnahmen des Fotografen Herbert Slavik. „Pilsener Ikonen“ nennt sich die Ausstellung. Ihre Urheber sitzen gleich ein paar Meter oberhalb des Mühlenpriels im spätgotischen Wasserturm an der Pražska-Straße. Hier koordiniert ein Organisationsteam die Aktivitäten für die Europäische Kulturhauptstadt Pilsen 2015, im offenen Gemeinschaftsbüro ohne feste Sitzordnung. Das Büro passt zum Slogan „Open up!“, denn Pilsen soll sich öffnen, so der Aufruf der Kulturhauptstadtmacher an die Einwohner.
Für europäische Kulturhauptstädte gibt es die unterschiedlichsten Konzepte. Während man in einer Weltmetropole wie Istanbul im Jahr 2010 in der Öffentlichkeit kaum bemerkt hatte, sich gerade in Europas Kulturhauptstadt zu befinden, will das mit 170.000Einwohnern viel kleinere Pilsen sichtbar Kulturhauptstadt sein, öffentliche Räume neu gestalten und international auf sich aufmerksam machen. Deshalb prangen Goldjunge Straka und der Zoodirektor im Großformat am Mühlenpriel, ein Teilprojekt von vielen, die man in den kommenden Jahren umsetzen möchte. „Mit den Pilsener Ikonen wollen wir den Menschen, die um uns herumleben, Ehre erweisen“, erklärt Yvona Kreuzmanova, die für Pilsen 2015 die künstlerische Leitung innehat. Pilsens Bürger konnten für 2011 ihre ganz persönlichen männlichen Helden nominieren. So kam es zur illustren Zusammenstellung. 2010 waren es übrigens Heldinnen, die ein Jahr lang dieselbe Stelle schmückten. „2012 folgen Businessleute, dann Senioren“, erklärt Kreuzmanova. Im Kulturhauptstadtjahr sollen alle „Ikonen“ in Brüssel ausgestellt werden.
Dort kennt man zeitgenössische böhmische Kunst spätestens seit Tschechiens EU-Ratspräsidentschaft 2009. Damals nahm der Bildhauer David Černy mit seiner großformatigen Installation „Entropa“ die Stereotypen der einzelnen EU-Länder auf die Schippe. Die witzigen Ikonen von Kreuzmanova & Co. kommen im Vergleich zu Entropa kreuzbrav daher, einen Eklat wie damals werden sie sicher nicht auslösen. Sie werden aber zeigen, worauf es den Machern von Pilsen 2015 ankommt: „Die größte Brache in einer Stadt sind die Menschen“, formuliert Kreuzmanova eine Prämisse.
Eine neue Marke
Als klar wurde, dass Tschechien zur Mitte des neuen Jahrzehnts die Europäische Kulturhauptstadt stellen würde, begann 2009 ein kurzer nationaler Entscheid. Es haben nicht viele damit gerechnet, dass Pilsen gegen Hradec Kralove und Ostrava das Rennen machen würde. „Denn was fällt Ihnen bei Pilsen als erstes ein?“ fragt Yvona Kreuzmanova, „Bier und Industrie, eventuell noch Probleme mit Minderheiten.“ Kein guter Nährboden für Kunst und Kultur, und genau deswegen hat Pilsen das Rennen gemacht. „Rebranding the City“, so das Schlagwort, „wir wollen der Stadt eine neue Identität geben.“ Die Industrie hätte in den vergangenen Jahrzehnten zwar die Einwohnerzahl der Stadt erhöht, nicht aber ihr humanes Potenzial geweckt. Wer den urbanen Raum umgestalten will, der müsse jedoch mit den Menschen arbeiten. Es reiche nicht, alte Industrieanlagen in schicke Bürogebäude und Lofts zu verwandeln. „Es steckt in den Leuten“, ist sich Kreuzmanova sicher.
Nachdem Pilsen im September 2010 den Zuschlag bekommen hatte, sammelte man in der Stadt Ideen. „Nach den ersten neun Monaten hatten wir schon 100 Vorschläge für Teilprojekte.“ Sie wollen nicht nur angewandte Kunst fördern, sondern auch soziale Initiativen ins Boot holen, ebenso die unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen einbeziehen, etwa die 20.000 Studenten der Westböhmischen Universität, aber auch die Senioren. „2050 wird ein Drittel der Stadtbevölkerung im Rentenalter sein. Wir wollen nicht nur Projekte für sie, sondern welche von und mit ihnen machen.“ Und noch eine zahlenmäßig bedeutende Gruppe, die in Tschechien bisher eher ein Schattendasein fristete, will man aktivieren: ethnische Minderheiten. Pilsens starke Roma-Community, die vielen Vietnamesen oder die Menschen aus Ex-Sowjetrepubliken, „sie haben alle großes Potenzial, sie brauchen nur Platz für ihre Kreativität und Kultur“, so Kreuzmanova. Es gehe nicht nur darum, mit Pilsen 2015 die Kunstelite zu fördern, sondern Treffpunkte für den interkulturellen Dialog zu schaffen.
Kreativzentren und Zukunftsmusik
„Wir wollen neue Plätze für Kreativität schaffen, die die Menschen zusammen bringen“, so die Leiterin von Pilsen 2015. Der zentrale Ort dafür soll die alte Brauerei „Svetovar“ werden, an der Endstation der Trambahnlinie Zwei. Die Brauerei der ehemals deutschnamigen Marke „Weltbräu“ wurde um 1910 errichtet, in den frühen 30er Jahren von Gambrinus übernommen, stillgelegt und bis vor zehn Jahren militärisch genutzt. Jetztsoll Svetovar eine Wiedergeburt als Brauerei für Kunst und Kultur erfahren. „Wir wollen die Menschen dort durch Community-Work, über Erziehung sowie professionelle und unprofessionelle Kunst zusammenbringen.“ Hinzu kommt ein Museum für Design und Lifestyle, das man mit dem Prager Institut für Kunst und Design realisieren will. Zu guter Letzt soll sich in Svetovar, dem Vorbild der Innovation-Center in Großbritannien und den skandinavischen Ländern folgend, Kreativwirtschaft ansiedeln können. „Denn es gibt kein Grafikdesign ohne Druckereien, keine Musikindustrie ohne Musik“, weiß Kreuzmanova um die notwendige Symbiose von Kunst und Kommerz. Einige weitere Großprojekte hat Yvona Kreuzmanova in der Hinterhand. Etwa die alten Škoda-Hallen, in denen das bereits bestehende Technmania Science Center, ein Technikmuseum mit erzieherischem Anspruch, weiter wachsen soll, vielleicht mit einem Planetarium. Im Park Štruncovy sady soll ein Sport- und Erholungszentrum entstehen, der Pilsener Südbahnhof von 1904 revitalisiert werden. Auf die Frage nach Bauzeit und Finanzierung des Ganzen räumt Kreuzmanova ein: „Natürlich können gerade die großen Investitionsprojekte bis 2015 schwer realisiert werden, aber wir wollen einen Anstoß dafür geben.“ Neben Partnern wie Škoda und Pilsener Urquell weiß man die Stadtverwaltung hinter sich, der bewusst ist, dass so ein Kulturhauptstadttitel für Pilsen eine einmalige Chance ist.
Mitmacher gesucht
Die Aktivitäten für 2015 sollen sich indes nicht nur auf die Stadt Pilsen beschränken. Die Pilsener Region soll einbezogen werden, ebenso wie die Nachbarn in Ostbayern. Das rührige Centrum Bavaria Bohemia in Schönsee sammelt über ein kürzlich gestartetes EU-Projekt bereits Projektideen aus der Oberpfalz für Pilsen 2015. Auch Regensburg, das vor ein paar Jahren noch als Bewerber um den Titel für 2010 scheiterte, ist dieses Mal zumindest als „Kulturhauptpartnerstadt“ dabei. Kreuzmanova erhofft sich, dass sich die Domstadt mit vielen kulturellen Aktivitäten beteiligen wird. Für Unternehmen aus der Region könnte indes die „Bank of Creative Capital“ von Interesse sein. Im Mai 2012 soll eine Internetplattform starten, bei der Kreuzmanovas Team zwischen Künstlern, Initiativen und Unternehmen vermitteln möchte, etwa über Co-Branding oder Sponsoring. „Jeder der eine Idee hat, kann sie in diese Bank geben, und wenn jemand sich für die Realisierung dieser Idee interessiert, bringt die Bank beide zusammen“, so die Kulturhauptstadtmacherin. Mit kleinem Budget, dafür mit viel Engagement und Offenheit will Pilsen 2015 vor allem eines: Kulturhauptstadt für alle sein.
Peter Burdack
Wirtschaft konkret, Januar 2012