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Streitgespräch zwischen Prof. Dr. Uwe Sonnewald, Uni Erlangen-Nürnberg, Leiter des Lehrstuhls für Biochemie (pro) und Dr. Franz Ehrnsperger, Inhaber der Neumarkter Lammsbräu (contra).
IHK: Während in den USA schon viele Bauern genmanipulierte Pflanzen anbauen, laufen in Deutschland Menschen und Verbände dagegen Sturm. Stehen wir uns wieder einmal selbst im Weg, wenn es um wirtschaftliche und wissenschaftliche Innovationen geht?
Prof. Dr.Sonnewald: Dies könnte man in der Tat so sehen. Es ist schon überraschend, dass Deutschland bei der Entwicklung von Transformationstechniken zur Erzeugung gentechnisch veränderter Pflanzen neben den USA ein führender Forschungsstandort war, dass aber die wirtschaftliche Umsetzung bis heute weitestgehend ausgeblieben ist. Gentechnisch veränderte Pflanzen werden vornehmlich außerhalb Europas eingesetzt und weisen derzeit im Wesentlichen verbesserte agronomische Eigenschaften, wie z.B. Insekten- oder Herbizidresistenzen auf. In Anbetracht der globalen Entwicklungen wäre es sicherlich an der Zeit, die Frage zu stellen, welche Risiken die Gesellschaft eingeht, wenn sie nicht die Möglichkeiten der Gentechnik für die Entwicklung leistungsstarker und den neuen Gegebenheiten angepassten Nutzpflanzen einsetzt.
Dr. Franz Ehrnsperger: Im Gegenteil: Der ökologische Landbau ist der innovative Weg, weil er gesunde, wohlschmeckende Lebensmittel ohne Chemie im Einklang mit der Natur erzeugt. Der Anbau genmanipulierter Pflanzen dagegen hat nur einen einzigen wirtschaftlichen Vorteil: Er stärkt die Kraft und den Einfluss weniger Saatgutkonzerne auf den weltweiten Getreidemarkt. Für alle anderen, die Bauern, die Nahrungsmittelhersteller und die Verbraucher entstehen nur Nachteile: Durch langfristige Abhängigkeiten, durch Einschränkung der Pflanzenvielfalt, durch mindere Qualitäten, durch verstärkten Einsatz von Pestiziden und durch immer noch nicht geklärte Risiken für Mensch und Umwelt.
IHK: An der Uni Gießen ist die erste „Gen-Gerste“ in einem Feldversuch ins Freiland gesetzt worden. Das Projekt heißt „Biosafety“ und wird vom Bundesforschungsministerium gefördert. Die Wissenschaftler wollen in erster Linie untersuchen, inwieweit sich die „Gen-Gerste“ auf wertvolle Bodenpilze auswirkt. Heißt das, die Folgen genmanipulierter Pflanzen auf die direkte Umgebung sind noch nicht erforscht?
Prof. Dr.Sonnewald: In dem von der Universität Gießen koordinierten Forschungsvorhaben, an welchem auch mein Arbeitskreis beteiligt ist, geht es u.a. um Untersuchungen zur Auswirkung einer gentechnisch eingeführten Pilzresistenz auf Mycorrhizapilze. Diese Bodenpilze besiedeln die Pflanzenwurzeln und können unter bestimmten Umweltbedingungen die Mineralstoffversorgung der Pflanzen verbessern. Die eingeführte Pilzresistenz wird durch die Aktivität eines Enzyms aus Trichoderma harzianum, welches Chitin, einem Zellwandbestandteil der Pilze, abbaut, erreicht. Da Chitin nicht nur in den Zellwänden von Schadpilzen vorkommt, sondern auch in den Zellwänden der Mycorrhizapilze, soll die Wirkung der transgenen Pflanzen auf diese Pilzgruppe studiert werden. Dieses Beispiel zeigt weniger, dass die Folgen genmanipulierter Pflanzen auf die Umgebung nicht erforscht sind, sondern, dass mit großer Sorgfalt bei der Bewertung von Gen-Pflanzen vorgegangen wird.
Dr. Franz Ehrnsperger: So ist es. Die Gen-Forscher sind auch nicht in der Lage, genetische Eingriffe präzise zu kontrollieren. Weder der Ort, wo das Gen in der Zelle eingebaut wird, noch die Anzahl der eingebauten Kopien noch die Wechselwirkungen mit anderen Genen können gezielt gesteuert werden. Der Euphorie in anderen Ländern, wo den Bauern höhere Erträge, weniger Aufwand und weniger Chemie versprochen wurden, ist die Ernüchterung gefolgt. Die Unkräuter haben Resistenzen entwickelt, der Pestizideinsatz ist deshalb gestiegen, die Erträge und Qualitäten bleiben unter den Erwartungen zurück.
IHK: Gegner befürchten, dass die evolutionäre Entwicklung der Gen-Pflanzen außer Kontrolle geraten könne. Befürworter dagegen verweisen auf die Möglichkeiten, die die Gentechnik bei Pflanzen biete. Wer hat die besseren Argumente?
Prof. Dr.Sonnewald: Es ist nicht zu erwarten, dass gentechnisch veränderte Pflanzen, die in der Regel nur ein oder wenige zusätzliche Gene tragen, außer Kontrolle geraten. Die Konkurrenzfähigkeit der Pflanzen im Ökosystem wird durch dass Zusammenspiel vieler tausend Gene bestimmt, so dass die Änderung in der Expression weniger Gene kaum signifikant die Invasivität der Pflanzen, die an Agraökosysteme angepasst sind, erhöhen wird. Darüber hinaus werden die gentechnischen Pflanzen einer Einzelfallbetrachtung unterzogen, um mögliche Risiken abschätzen zu können. Demgegenüber bietet die Gentechnik die Chance Ernteverluste und den Einsatz von Pestiziden zu reduzieren, die Qualität pflanzlicher Produkte zu verbessern, die Anpassungsfähigkeit von Nutzpflanzen an sich ändernde klimatische Verhältnisse zu erhöhen und möglicherweise die Nutzung von Pflanzen für nicht Nahrungszwecke, z.B. zur Produktion von nachwachsenden Rohstoffen oder Impfstoffen, zu ermöglichen.
Dr. Franz Ehrnsperger: Die Lobby der grünen Gentechnik argumentiert nicht fort-, sondern rückschrittlich. Spätestens seit Tschernobyl weiß doch wirklich jeder, dass wir die Folgen unseres Handelns einbeziehen müssen. Wo bleibt hier die Verantwortung der Industrie? Ich kann doch nicht die versprochenen großen und sicheren Erträge in der Landwirtschaft gegen die inzwischen belegten negativen Folgen aufwiegen. Nochmals: Nur fünf, sechs Konzerne profitieren, Millionen von Bauern und Konsumenten aber müssen die ausgesetzte Kröte schlucken. Diese Unternehmen haben eine biologische, chemische und auch ethische Grenze überschritten. Bislang hat nur die Natur neue Lebensformen geschaffen, jetzt maßt sich der Mensch diesen Schöpfungsauftrag an. Nie zuvor hat der Mensch einen neuen Stoff ausgesetzt, der sich von alleine vermehrt. Einmal ausgebracht, ist die genmanipulierte Pflanze nicht mehr rückholbar!
IHK: Wo liegen die Notwendigkeiten für eine Erforschung und schließlich Anwendung genmanipulierter Gerste?
Prof. Dr.Sonnewald: Die bereits erwähnten Studien an der Gerste dienen der Untersuchung der Auswirkung einer gentechnisch erzielten Pilzresistenz auf Nicht-Zielorganismen. Pilzresistenz ist eine sehr wichtige agronomische Eigenschaft, weshalb unterschiedliche Ansätze zur Erzeugung pilzresistenter Pflanzen verfolgt werden. Pilze sind nicht nur eine Bedrohung für den Ernteertrag, sondern können durch Bildung von Toxinen die Produktqualität und damit unsere Gesundheit sehr ungünstig beeinflussen. Konkret ist die Erforschung der gentechnisch veränderten Gerste notwendig, um die Wirkung der eingebrachten Chitinase auf Ziel- und Nichtziel Organismen zu studieren, wodurch eine Nutzen/Risiko Bewertung der eingebrachten Pilzresistenz ermöglicht werden soll.
Dr. Franz Ehrnsperger: Es gibt keine Notwendigkeit hierfür! Warum etwas manipulieren, was eine einzigartige Erfolgsgeschichte darstellt? Gerste ist ein wesentlicher Rohstoff für Brot und Bier. Sowohl das deutsche Brot als auch das deutsche Bier werden weltweit für ihre Vielfalt und geschmackliche Qualität geschätzt. Beide zeichnet eine einzigartige, über 6000 Jahre währende Kulturgeschichte aus, beide begleiten die Menschheitsentwicklung von Beginn an. Und jetzt schicken sich wenige, börsennotierte und ausschließlich auf Gewinnmaximierung ausgerichtete Unternehmen an, diese wertvollen Lebensmittel unkontrolliert in ihrem Sinne zu manipulieren. Es gibt nicht den geringsten Anlass hierfür – außer Geld. Die Industrie bietet Lösungen an, für die es kein Problem gibt.
IHK: Wer profitiert am meisten von der Revolution der Evolution?
Prof. Dr.Sonnewald: Wir alle.
Dr. Franz Ehrnsperger: Nachweisbar profitieren davon nur Agrochemiefirmen und Patentinhaber. Weder die Bauern noch die Konsumenten haben einen Nutzen. Wir erleben derzeit einen beispiellosen Feldzug dieser Konzerne, die nicht nur in unverantwortlicher Weise Gene von Grundnahrungsmitteln manipulieren, sondern auch alle davon betroffenen Menschen täuschen – einschließlich der Regierung in Berlin. Deshalb wehrt sich die Lammsbräu und unterstützt auch Bürgerbewegungen wie „Zivilcourage“, die sich für gentechnikfreie Regionen stark machen.
Martina Beierl
mb-Kommunikation, Weiden