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Der Autor Erik Händeler ist Zukunftsforscher und Vortragsreferent
Bücher: „Die Geschichte der Zukunft – Sozialverhalten heute und der Wohlstand von morgen“, 7. Auflage, März 2009
„Kondratieffs Welt – Wohlstand nach der Industriegesellschaft“
Hörbuch „Der Wohlstand kommt in langen Wellen“.
Finanzblasen hat es immer gegeben, wenn sich grundlegende Innovationen ausgebreitet hatten: Nach dem Computer kommt die gesunde Arbeitskultur.
Eine Krise rollt auf uns zu, die nicht nur eine Wirtschaftskrise sein wird, sondern alle Bereiche des Lebens betrifft. In der öffentlichen Wahrnehmung sind die Banker daran schuld. Doch wieso sollen alle Banker der Welt plötzlich und zur selben Zeit beschlossen haben, gierig zu werden und unseren Wohlstand zu verzocken? In Wirklichkeit war es ganz anders: Der Computer steigerte seit den 80er Jahren unsere Produktivität enorm, hat beim Arbeiten Zeit und Ressourcen eingespart, deshalb neue Investitionen rentabel gemacht und neue Arbeitsplätze geschaffen. Das funktionierte bei uns bis kurz nach der Jahrtausendwende, danach noch in den Schwellenländern. Doch irgendwann hat sich jedes technologische Netz weitestgehend ausgebreitet.
Wer jetzt sein Geld in der realen Wirtschaft investieren wollte, fand dafür keine rentable Möglichkeit mehr, die Zinsen waren niedrig - deswegen ging das Geld in die Spekulation mit Aktien, Rohstoffen oder Immobilien und trieb deren Preise in bisher nicht gekannte Höhen. Das viele freie Geld reizte zu verantwortungsloser Kreditvergabe. Die Blase platzte, weil sich in der Realwirtschaft abzeichnet, dass die gewohnten Produktivitätsfortschritte ausbleiben. Preise und Gewinne werden herunterkonkurriert. Es lohnt sich kaum, Menschen zu beschäftigen und zu investieren. Die Weltwirtschaft stagniert.
Die meisten etablierten Ökonomen denken vor allem über Geld, also über Preise, Zinsen oder Staatsausgaben nach; deswegen tun sie sich meist schwer damit, die realwirtschaftliche Sicht in ihr Wirtschaftsbild zu integrieren. Für den Ökonomen Nikolai Kondratjew (1892 – 1938) dagegen sind die monetären Größen Folge, aber nicht Ursache für die wirtschaftliche Entwicklung. Er sieht den Motor der Wirtschaft in den Verbesserungen des realen Lebens. Sie sparen den Menschen Zeit und Kraft, um damit etwas anderes anzufangen. So entstehen rentable Arbeitsplätze und mehr Wohlstand. Bis sie alle Bereiche des Lebens durchdrungen haben, dann treten die Unternehmen auf der Stelle.
Kondratjew-Zyklus
Deshalb kam es nach dem langen Boom, den die Eisenbahn getragen hatte, 1873 zum Gründerkrach mit fast zwei Jahrzehnten Depression. Und nach dem Wohlstandsschub der Elektrifizierung folgte die Weltwirtschaftskrise von 1929. Vielleicht wäre es der Weltwirtschaft besser ergangen, wäre Kondratjew in Stalins Polizeistaat nicht als Marktwirtschaftler erschossen worden. Denn er liefert einen wertvollen Hinweis darauf, in welche Richtung sich die Realwirtschaft in Zukunft verändern würde: Je knapper ein Produktionsfaktor wird, umso größer sind die Anstrengungen, den Flaschenhals mit anderen Organisationsstrukturen und anderer Ausrüstung zu beseitigen. Als Transport die Knappheitsgrenze für die Wirtschaft war, musste demnach die Eisenbahn gebaut werden; als die Informationsflut explodierte, brauchten wir so einen elektronischen Rechner wie den Computer.
Was also ist denn nun die Knappheit, die es jetzt zu überwinden gilt, soll es weiter bergauf gehen? Viele meinen: Energie und Rohstoffe. Doch wer diese verbrauchen darf, das entscheidet sich letztlich daran, wer sie am effizientesten zu verwenden weiß, und das wiederum hängt von der Qualität der Wissensarbeit ab: eine Situation analysieren, um richtig zu entscheiden; in der gigantischen Informationsflut das Wissen suchen, dass jemand braucht, um ein Problem zu lösen; verstehen, was der Kunde eigentlich meint. Es wird jedoch keine neue Dampfmaschine mehr geben, die unsere Gedanken produktiver macht.
Das einzige, was knapp sein wird, sind gebildete Menschen und ihre Problemlösungs-Wertschöpfung. Diese werden nur dann erst mit 67 in Rente gehen und weit darüber hinaus arbeiten, wenn die Arbeitsstrukturen darauf eingestellt werden: weniger Druck bei angepasster Bezahlung, flexiblere Arbeitszeiten, Weiterbildung bis zur Rente und darüber hinaus.
Gesunderhaltung für den Aufschwung
Weil Bildung zu einer teuren, Jahrzehnte langen Investition wird, muss sie sich auch über einen längeren Zeitraum amortisieren. Die Nachfrage nach der Gesunderhaltung des Menschen wird so stark, dass sie einen Aufschwung tragen kann. Zwar wird auch wieder Hardware zum nächsten Strukturzyklus beitragen - Gentechnik, Nanotechnologie in der Medizintechnik, andere materielle Gesundheitsinvestitionen. Aber das ist nur das dienende Drumherum um die aktuelle Knappheit an intelligenter, unstrukturierter, kooperativer Informationsarbeit und ihrer produktiven Lebensarbeitszeit der Wissensarbeiter. Der ökonomische Druck wird den Lebensstil ändern, Produkte und Dienstleistung zur Gesunderhaltung der Gesunden begründen einen neuen Markt.
Weil der Einzelne ein Fachgebiet immer weniger überblicken kann, sind wir zunehmend auf das Wissen anderer angewiesen. Niemand hat die Zeit, fünf Bücher zu lesen, um an die gewünschte Information zu kommen. In Zukunft ist es wichtig, jemanden zu kennen, der diese fünf Bücher durchdacht hat und mein Problem in 30 Sekunden lösen kann. Statt des gehorsamen, austauschbaren Rädchens der alten Industriegesellschaft wird so jeder Einzelne auf einmal zu einem unverzichtbaren Spezialisten für einen Zwischenschritt in der Produktion oder für ein Wissensgebiet, dessen Kompetenzen mit denen der anderen für den Gesamterfolg zusammenfließen müssen.
Flaschenhals der Volkswirtschaft
Die bisherigen hierarchischen Firmenstrukturen unterdrückten einen solchen Informationsfluss. In Zukunft wird es - neben klaren Verantwortungsträgern - Gummihierarchien geben, in denen jeder den Stellenwert hat, den die tagesaktuellen Anforderungen ergeben. Mit den dafür nötigen flachen Strukturen und ständig wechselnden Partnern, Kunden und externen Mitarbeitern haben sich die Schnittstellen vervielfacht und damit auch die Gründe, sich mit anderen zu streiten. Männer und Frauen sind im Kopf unterschiedlich verdrahtet; Ältere und Junge arbeiten noch nicht partnerschaftlich, die Stärken des jeweils anderen nutzend, auf Augenhöhe zusammen. Dass Informationsarbeit nicht effizient genug ist, dafür sprechen viele Indikatoren wie innere Kündigung oder Kommunikationsprobleme, der neue Flaschenhals der Volkswirtschaft.
Das setzt Berufstätige mit ihrem Sozialverhalten unter den Veränderungsdruck, effizienter zusammenzuarbeiten, um Wissen besser nutzen zu können. Die Geschichte zeigt, dass eine neue Technik wie eine Eisenbahn schneller erfunden war als sich die Menschen auf veränderte Erfolgsmuster einließen. Doch auch diesmal werden wir es am Ende gelernt haben: Die ganz normale Krise nach dem Computer-Strukturzyklus wird uns dabei helfen, in einer besseren Arbeitskultur Wissen besser zu nutzen.
Erik Händeler
Wirtschaft konkret, April 2009