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Blickpunkt Tschechien - Westböhmens beste Adresse

01.03.2010

Pilsens Industriepark am ehemaligen Flughafen

Lange vor dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ war Borská pole am südwestlichen Stadtrand Pilsens ein Flugplatz. Heute ist aus dem rund 125 Hektar großen Gelände selbst ein Überflieger geworden: „Borská pole“ ist Westböhmens größter Industriepark. Auch die IHK Regensburg für Oberpfalz / Kelheim hat dort ein Projektbüro.

Einzig der Straßenname erinnert heute in Westböhmens größtem Industriepark an die ursprüngliche Bestimmung des Geländes. Wo einst Hubschrauber landeten, dominieren heute große Produktionshallen und futuristische Gebäude. Am Flughafen heißt die Adresse. Weniger als zwanzig Jahre nach Geburt der Idee arbeiten heute in Borská pole mehr Menschen als beim einstigen Platzhirschen Skoda. Firmen aus Japan, den Vereinigten Staaten, Spanien, Dänemark und nicht zuletzt aus Deutschland haben hier Fuß gefasst. In ganz Tschechien gilt Borská pole als Vorzeigebeispiel für erfolgreiche Ansiedlungspolitik.

Dabei war die Entscheidung Anfang der neunziger Jahre alles andere als selbstverständlich, obwohl es viele Gründe gab, die die Pilsner Stadtväter Anfang der 90er Jahre ins Feld führten: allen voran Pilsens exzellente geographische Lage zwischen dem „Alten“ und dem „Neuen“ Europa, die hohe Zahl gut ausgebildeter und flexibler Arbeitskräfte, das flexible Projektmanagement und – nicht zuletzt – die effiziente öffentliche Verwaltung, wie es in der offiziellen tschechischen Standortbroschüre heißt.

Projekt war umstritten
Als 1992 die Idee des Industrieparks vor den Toren der Stadt geboren wurde, galt das Projekt noch als extrem progressiv und war durchaus umstritten. Braucht es das? So damals die Frage, lag die Arbeitslosigkeit doch unter zwei Prozent und nirgends sonst in ganz Tschechien gab es eine ähnliche Idee. Die staatliche tschechische Investitionsagentur CzechInvest steckte noch in den Kinderschuhen. Kaum einer dachte damals an Unternehmensansiedlungen im großen Stil.

Dennoch entschied sich die Stadt Pilsen dafür, die Weichen für den Industriepark zu stellen, auch ohne Unterstützung der tschechischen Regierung. 1994 begannen die Grundstückskäufe, bereits ein Jahr später verhandelten die geistigen Väter des Parks mit dem ersten Investor. Im Frühjahr 1996 folgte die erste Erfolgsmeldung: Der japanische Elektronikkonzern Matsushita gab seine Entscheidung bekannt, in Pilsen ein Werk zur Fertigung von Fernsehern zu bauen. Es war das erste Engagement eines japanischen Unternehmens in Tschechien überhaupt. Bereits ein Jahr später begann die Produktion. Fast im Monatsrhythmus folgten weitere Entscheidungen über neue Ansiedlungen. Bis zum Jahr 2005 war die gesamte 125 Hektar große Fläche verkauft.

Einhundert Prozent Auslastung
Der Industriepark ist heute voll ausgelastet. Seine Dimensionen sind beeindruckend: Auf dem ehemaligen Flugplatzgelände sind rund 10.000 neue Arbeitsplätze entstanden. Mehr als 20 Millionen Euro flossen aus Töpfen der Stadt Pilsen, kooperierenden privaten Investoren und staatlicher Förderung in die dafür nötige Infrastruktur. Die heute in Borská pole ansässigen Unternehmen investierten rund 400 Millionen Euro in den Aufbau der Werke und Forschungsstätten. Die tschechische Standortbroschüre rechnet vor: Ein geschaffener Arbeitsplatz kostete umgerechnet weniger als 2.000 Euro, Unternehmen investierten zwanzigmal mehr in die Anlagen als die öffentliche Hand dort verbaute. Beides sind Spitzenwerte, auch im internationalen Vergleich. Nach Expertenschätzungen wird Borská pole auch in den nächsten Jahren weiter wachsen und in einigen Jahren bis zu 12.000 Menschen Arbeit geben.

Wirtschaft und Wissenschaft vereint
Mehr als 50 international agierende Unternehmen haben mittlerweile in Borská pole eine Heimat gefunden, von der Großdruckerei bis zum Komponentenhersteller für die Luftfahrt, vom Autozulieferer bis hin zur Fensterproduktion. Ein Drei-Sterne- Business-Hotel und eigener Supermarkt inklusive. Auch die westböhmische Universität siedelte sich am Rande des neuen Industrieparks etliche Kilometer außerhalb des Pilsener Stadtzentrums und alten industriellen Herzens der westböhmischen Metropole an. Diese Entscheidung erwies sich als richtig: Fakultäten wie die des Maschinenbaus kooperieren jetzt eng mit zahlreichen Firmen im Industriepark.

Heute gilt Borská pole als industrieller Schrittmacher für die Region Pilsen. Auch viele deutsche und bayerische Firmen haben sich in den letzten Jahren für das Gelände vor den Toren Pilsens mit direktem Autobahnanschluss nach Deutschland entschieden: So zum Beispiel MDS Engeneering aus Regensburg oder der mittelfränkische Automobilzulieferer Alfmeier.

Die Pilsener sind stolz auf „ihren“ Industriepark. Nicht ohne Grund. In Tschechien gilt er als beispielhaft dafür, wie eine Stadt sich neben den traditionellen Branchen ein zweites Standbein für die Zukunft schafft. In den nächsten Jahren will Pilsen insbesondere die Verbindung von Wirtschaft und Wissenschaft stärken. Dazu entstand in den letzten Jahren – ebenfalls auf dem Gelände von Borská pole – der Wissenschaftlich-Technische Park Pilsen (Vedecko-Technicky park) als Keimzelle für neue Ideen und junge Unternehmen. In einem innovativen Umfeld und mit modernster Infrastruktur lockt der inzwischen fertig gestellte Businesspark Spin-offs und Gründer aus der gesamten Region: mit Büros, Gewerberäumen, Konferenzsälen, Labor- und Forschungseinrichtungen auf insgesamt 12.000 Quadratmetern.

IHK-Projektbüro in „Borská pole“
Die neue Plattform soll die Wettbewerbsfähigkeit kleiner und mittelständischer Unternehmen durch den Einsatz innovativer Forschung und Entwicklung gezielt fördern. Den Absolventen der Westböhmischen Universität Pilsen, die sich nur einen Steinwurf entfernt befindet, bietet dieser Standort ein optimales Karrieresprungbrett. Auch das Projektbüro von „Wir sind Europa!“, dem grenzüberschreitenden EU-Projekt der IHK Regensburg für Oberpfalz / Kelheim, befindet sich seit einem Jahr auf dem Gelände des Parks. „Für uns ist das der ideale Standort, um die zahlreichen grenzüberschreitenden Projekte zu verwirklichen und unseren ostbayerischen Unternehmen das Tor nach Tschechien zu öffnen“, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Jürgen Helmes.

Im Sommer dieses Jahres soll es in Westböhmens größtem Industriepark eine Zukunftskonferenz unter der Überschrift „Borská pole 2010“ geben. Die IHK ist über ihr Projekt „Wir sind Europa!“ und die guten Kontakte zur Bezirkswirtschaftskammer Pilsen in die Vorbereitung aktiv eingebunden. Den genauen Termin erfahren Sie in einer der nächsten Ausgaben der „Wirtschaft konkret“.

Jens Henning

Wirtschaft konkret, März 2010