Die Tschechen kommen – von unbekannten und unterschätzten Kunden

22.11.2005

Prager Journalisten sind diesseits und jenseits der tschechisch-deutschen Grenze zum Weihnachtseinkauf aufgebrochen. Überraschendes Fazit der Shopping-Tour: „In Tschechien ist es oft teurer als in Deutschland.“ Mit diesem Satz haben sie auch ihren Bericht zum Einkaufs-Erlebnis in der „Mladá fronta dnes“ überschrieben, die zu den größten und renommiertesten tschechischen Tageszeitungen zählt.
Die Gesamtbilanz der Zeitungsmacher: Kleidung, Parfüm, Elektronik und Musik sind in Deutschland zum Teil viel billiger als daheim. Auf Krone und Heller rechnen die Prager Redakteure vor, was Deutschland-Shopper im Einzelnen sparen können: Der Damen-Wintermantel bei einer großen Handelskette ist hierzulande um die Hälfte billiger, kostet 30 statt 60 Euro. Das gleiche Herrenhemd kostet in Prag immerhin 20 Prozent mehr als in Deutschland.

Haarlack kostet nur die Hälfte
Im Drogeriebereich dasselbe Bild: Wer in Prag und Pilsen Duschgel, Seife, Shampoo und Co. einkauft, zahlt rund ein Drittel mehr als in Regensburg oder Cham. Die Liste der tschechischen Redakteure geht noch weiter: Marken-Haarlack kostet in der tschechischen Hauptstadt fast das Doppelte des deutschen Preises. Bei hochwertigen Elektronik-Artikeln und Musik-CDs seien Tschechen oft ebenfalls gut beraten, beim „großen Nachbarn“ zu kaufen. Zwei Beispiele: Die Minolta-Digitalkamera kostet in Tschechien 300 Euro, in Deutschland sind es 50 Euro weniger. Der Tonträger mit den besten Hits der Musikgruppe R.E.M. kostet hierzulande sieben Euro, in Prag umgerechnet fast 20. Und all das bei einem tschechischen Durchschnittslohn, der gut dreimal niedriger ist als das deutsche Normal-Gehalt. Rund 600 Euro pro Monat verdiente der Durchschnitts-Tscheche im vergangenen Jahr nach Angaben des Prager Statistik-Amts.

„Mann, bist du dumm“
Viele Tschechen ärgern sich über die hohen Preise in heimischen Textil-, Drogerie- und Elektronikgeschäften. Für Oberpfälzer Produzenten und Einzelhändler ist diese Tendenz eher ein Grund zum Jubeln. Denn endlich könnten auch ostbayerische Geschäfte ihren Nutzen aus dem freien Warenverkehr ziehen.
Bisher fühlen sich allerdings viele Kaufleute als Verlierer und vor allem von der Politik im Stich gelassen. Allen voran die Tankstellen und Tabakkioske. Thomas Wanninger, Tankstellenbesitzer in der kleinen Grenzstadt Furth im Wald, platzt an Sonntagen regelmäßig der Kragen. „Die Leute fahren vorbei, lächeln einen an und signalisieren: Mann, bist du dumm.“ Von Stammkunden abgesehen, tanken die meisten bei ihm für zwei, drei oder fünf Euro. Wanninger hält den kleinen Familienbetrieb mit einem Autoverleih über Wasser. „Sonst könnte ich zusperren.“

Schreckgespenst: Einkaufstempel im „Niemandsland“
Furth im Wald ist symptomatisch für die Lage der Zapfsäulen-Besitzer: Von sechs Tankstellen haben in der Grenzstadt in den letzten Jahren drei geschlossen. Ein Stopp des rasanten Schrumpfprozesses ist nicht in Sicht. Mehrere Bundesregierungen bissen sich bei der Lösung des Problems schon die Zähne aus. Zuletzt SPD-Mann Wolfgang Clement, der noch in diesem Frühjahr vollmundig versprach, eine Art elektronische Rabattkarte für Bewohner der grenznahen Landkreise einzuführen. Mit den Wahlen ist das Projekt in der Schublade verschwunden. Auch die bayerische Staatsregierung reagiert auf Anfrage hilflos: Man werde weiterhin „sinnvolle und wirksame Maßnahmen einfordern“.
Ein weiteres Schreckgespenst treibt seit Jahresbeginn nicht nur die Einzelhändler in Furth im Wald um: der „Arena-Park“, ein „Einkaufstempel im Niemandsland“. Auf rund 19.000 Quadratmetern Verkaufsfläche – in etwa die Dimension der Regensburger Arcaden – sollen etwa 50 Geschäfte Platz finden. Im Spätsommer 2006 soll die Shopping-Mall im tschechischen Grenzdörfchen Folmava eröffnen, teilte Center-Manager Raimund Bayer auf Anfrage mit.
Zwar rechnet der 39-jährige Geschäftsmann in der Anfangszeit mit 90 Prozent deutschen Kunden. Langfristig werde aber jeder zweite Kunde aus Tschechien kommen. Bayer: „Die Region Pilsen ist im Bezug auf Einkaufsmöglichkeiten derzeit sehr schwach strukturiert.“ In der Oberpfalz komme auf jeden Einwohner rund ein Quadratmeter Supermarktfläche, in Westböhmen sei es gerade einmal ein Zehntel davon.

IHK: „Kreativität von allen“
Die IHK Regensburg sieht das Einkaufszentrum in Folmava als Herausforderung für die gesamte Region Ostbayern. „Die neue Situation fordert Umdenken, Neuorientierung und Kreativität von allen.“ Das Projekt Arena-Park könne durchaus zu einem Impuls für das gemeinsame Mittelzentrum Furth im Wald – Domazlice werden. Aber nur dann, wenn es gelingt, die größer werdende Frequenz von Einkaufstouristen und die steigende Zentralität im Einzelhandel, in der Gastronomie und Hotellerie sowie in den Freizeiteinrichtungen in der Region zu nutzen.
Ganz konkret heißt das: Den Tschechen müssen Einkaufen und Ausflüge in die Oberpfalz noch schmackhafter gemacht werden. Marketing- und Werbestrategien für den tschechischen Kunden sind gefragt, um die Schlüsselbotschaft nach Böhmen zu transportieren: „In der Oberpfalz ist es oft billiger als in Tschechien und außerdem hat die Region touristisch viel zu bieten“.

Weidener Werbefeldzug in Böhmen
Doch für die meisten Unternehmen und Einzelhandelsgeschäfte ist Tschechien 15 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs noch immer „Terra incognita“. Viele Händler haben nach Ansicht von IHK-Geschäftsführer Dr. Reinhard Rieger das Potenzial tschechischer Kunden noch gar nicht erkannt. Und denjenigen, die die Böhmen locken wollen, fehlen oft klare Strategien.
Die IHK Regensburg ist in einem Pilotprojekt in der nördlichen Oberpfalz Anfang des Jahres mit dem Thema „Kunden aus Tschechien“ erstmals in die Offensive gegangen. „Wir wollten den Weidener Winterschlussverkauf in sieben großen tschechischen Tageszeitungen bewerben“, erinnert sich Projektkoordinator Wolfgang Eck. Das war leichter gesagt als getan: „Es gab überhaupt keine Informationen über tschechische Printmedien in deutscher Sprache.“ In stundenlanger Telefonarbeit haben Weidener IHK-Mitarbeiter recherchiert, welche Zeitungen welches Publikum ansprechen, wie viel man für eine Anzeige zahlen muss und wen man vor Ort ansprechen kann.
Im Ergebnis der aufwändigen Pilotstudie ist eine Mediendatenbank tschechischer Zeitungen, Radio- und TV-Stationen entstanden, von der heute alle interessierten Unternehmen in der Region profitieren. „Die Tabellen sind über unsere Internetseite frei zugänglich“, sagt Eck (siehe Service-Kasten).

Handel und Tourismus: Nebeneinander statt Miteinander
Das Shoppingtourismus-Projekt in der nördlichen Oberpfalz will ein Vorreiter für die gesamte Region sein. „Wir testen hier aus, wie man sich an den tschechischen Kunden herantastet“, so der Projektkoordinator. Als neuesten Service bietet die IHK Restaurants an, ihre Speisekarten ins Tschechische übersetzen zu lassen. Eck: „Tschechen wünschen sich eine Kombination aus Einkaufen, einer gastronomischen Erlebniswelt und tollen Freizeitangeboten, wenn sie zu uns kommen.“
Der Kampf um die neuen (Einkaufs-)Touristen aus dem Böhmischen fördert ein grundsätzliches Problem in der Oberpfalz zu Tage: Einzelhandel, Gastronomie-Betriebe, Museen und Freizeiteinrichtungen arbeiten bisher kaum zusammen. „Statt eines fruchtbaren Miteinanders gibt es ein freudloses Nebeneinander“, formuliert Edgar Kreilkamp, Professor für Tourismusmanagement an der Universität Lüneburg. Er forderte jetzt bei einer gemeinsamen Sitzung der beiden IHK-Ausschüsse Handel und Tourismus: „Synergieeffekte lassen sich nur nutzen, wenn der Einzelhandel besser mit touristischen Betrieben kooperiert.“ Die Oberpfälzer Städte und Gemeinden sollen Pakete schnüren, die Einkaufsvorteile mit städtetouristischen Attraktionen verbinden.
Bisher funktioniert dieser Gedankenaustausch oft eher zufällig. „Touristen wären dankbar, wenn sie bei Stadtführungen Tipps für gute Restaurants und regionaltypische Geschäfte bekämen“, meinen Dr. Martin Kammerer und Dr. Reinhard Rieger von der IHK. Deren Hauptgeschäftsführer Dr. Jürgen Helmes fügt hinzu: „Einkaufen ist für viele Menschen zu einer Freizeitbeschäftigung geworden, die keineswegs nur in der Nähe des eigenen Wohnortes durchgeführt wird.“

„Mini-Wörterbücher“ für mehr Service
Vom Shoppingtourismus könnte gerade die Oberpfalz profitieren, meint auch Professor Kreilkamp. Für viele ist der Weg nach Regensburg oder Weiden kürzer als die Strecke nach Prag. Aber mangelnde Fremdsprachenkenntnisse des Verkaufspersonals, fehlender Verpackungs- und Versandservice für Touristeneinkäufe und die geringe Akzeptanz von Kreditkarten machen den neuen „Kunden aus dem Osten“ das Leben schwer.
Die Regensburger IHK hilft ihren Mitgliedern mit zwei eigens entwickelten „Mini-Wörterbüchern“ für Gastronomie und Handel, damit es mit dem Nachbarn klappt. Ein „Jak mužů Vám pomoct?“ statt „Wie kann ich Ihnen helfen?“ könne kleine Wunder bewirken, sagen Experten.
Eine neue Studie zum Shoppingtourismus gibt Handel und Fremdenverkehrsbetrieben in der Oberpfalz eine Reihe an Hausaufgaben auf. „Hier muss mehr Zusammenarbeit passieren, wenn wir dieses Potenzial für die Region nutzen wollen“, postuliert Rieger.

Witt Weiden: Shopping und Sightseeing
Dass diese Symbiose tatsächlich funktionieren kann, beweist der Weidener Textilhändler Witt Weiden. Das Traditionshaus hat die „WW.einkaufs-erlebnis-reisen.DE“ geschaffen. Bei diesem neuen Konzept werden potenzielle Kunden mit einem Gesamtpaket nach Weiden gelockt: Besucher stöbern beim Fabrikverkauf, lernen das Zentrum der Max-Reger-Stadt kennen und essen in einem Weidener Restaurant. Das Angebot boomt. „Zu uns kommen auch immer mehr tschechische Busse“, sagt Klaus Kockjeu, der das Projekt bei Witt Weiden betreut. Das Textilunternehmen ist einer der Partner beim IHK-Pilotprojekt in der nördlichen Oberpfalz. „Kunden aus Tschechien werden immer interessanter“, betont Kockjeu.
Offizielle Zahlen der bayerischen Staatsregierung belegen diese Tendenz für viele Wirtschaftszweige. So haben Bayerns Kurorte in den ersten acht Monaten des zu Ende gehenden Jahres 10.000 Übernachtungen von Tschechen gezählt – im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von 80 Prozent. Seit diesem Jahr arbeiten das weltberühmte böhmische Marienbad und das junge Sibyllenbad im Oberpfälzer Wald intensiv zusammen. Von der Bäderehe sollen vor allem die deutschen und tschechischen Gäste profitieren, die Gesundheit grenzenlos genießen können. In Regensburg steigt die Zahl der tschechischen Besucher langsam, aber stetig. Im letzten Jahr kamen rund 6.000.
Der Regensburger Stadtmarketingverein ist gerade dabei, Handel und Tourismus in der Domstadt an einen Tisch zu bringen. „Unser Ziel ist ein internationaler Shopping-Guide“, sagt Stadtmarketing-Geschäftsführer Bertram Vogel. Darin sollen Touristen die wichtigsten „regensburgtypischen“ Angebote auf einen Blick finden: Handel, Gastronomie, Kultur und Veranstaltungen. Voraussichtlich im kommenden Frühjahr soll das Druckwerk erscheinen.

Jens Henning